Guérot Ulrike: Wer schweigt, stimmt zu

"Über den Zustand unserer Zeit" - damit beschäftigen sich die ersten beiden Teile des Essays, während der dritte Teil einen Ausblick liefert "darüber, wie wir leben wollen".

Seit Herbst 2021 ist Guérot Professorin für Europapolitik an der Universität Bonn, ihr Buch ist Anfang 2022 erschienen. Die Autorin erinnert kursorisch an so manche "Verformung der Demokratie". Im direkten Vergleich zu Monika Donners "Corona Diktatur", das im März 2021 erschienen ist, in Sprache und Inhalt eher konservativ, aber doch ein Beitrag zur Aufklärung jener Gesellschaftsgruppen, die bislang ihre Informationen über die "Pandemie" lediglich aus den Leitmedien bezogen haben. Dass Guérot den Begriff "Pandemie" nicht unter Anführungszeichen setzt, ist wohl ihren akademischen Weihen geschuldet.

Ulrike Guérot wikipedia

Jetzt (28.8.22), da sich der Herbst nähert, erweist sich eine politische Prognose als Fehleinschätzung: "Der politische Kairos im Frühjahr 2022 zeichnet sich schon ab: Entweder gelingt es, einen inzwischen unhaltbaren, auf immer mehr Widersprüchen und einem kolossalen Datensalat aufbauenden Corona-Diskurs zu entlarven [....] Oder das System wird notwendiger Weise autoritär, weil ein Systemversagen kaschiert und de facto ein Lügengebäude stabilisiert werden muss." Fakt ist: alle Lügen wurden schon hundertfach, wahrscheinlich tausendfach entlarvt, aber das schon längst autoritäre System stützt sich weiterhin auf die Lüge. Die Lüge ist die neue Wahrheit! Willkürherrschaft ist die Neue Normalität.

"Eine herrschende Meinung zu Corona wurde installiert, Widerspruch zwecklos, Diskurs nicht gewünscht! Wie konnte das demokratischen Geschehen so verrutschen?" Die Fakten sind hinlänglich bekannt, doch die Frage bleibt unbeantwortet. Abgesehen davon, dass die Frage unscharf, ja geradezu fatalistisch ist: "das demokratische Geschehen" ist nicht das, was Regierungen und Parlamente zur Durchsetzung der Corona-Maßnahmen beschlossen haben, ist kein politischer Prozess mit Entscheidungen und Entscheidungsträgern, Mitläufern und Kritikern, sondern ein schwammiger Begriff, der das Diskursniveau sicher nicht auf eine neue Ebene haben kann.

Das Versagen "der Wissenschaft" führt die Wissenschaftlerin auf "eine verabsolutierte Wissenschaftsgläubigkeit" zurück und erinnert an die elementaren Grundlagen: "Wissenschaft ist nur unter der Bedingung möglich, dass man aus der Gesamtheit des Wirklichen geschlossene Systeme heraustrennt und alle Erscheinungen, die nicht zu ihnen gehören, als vernachlässigbar erachten kann. Etwas lapidar formuliert: 'Das Ganze' ist die Idee des Metaphysikers, nicht die des Wissenschaftlers. Bei Forschungsergebnissen und deren Interpretation geht es also selten um das, was die Wissenschaft sagt, sondern welche Bewertungskriterien eine Mehrheit bei wissenschaftlichen Erkenntnissen anlegt und welche sie zu einem gegebenen Zeitpunkt als politisch relevant durchsetzen will." Das gilt in der Frage, ob Atomkraft gefährlich ist oder nicht, genauso wie bei der Frage, ob Kaffee gut oder schlecht für die Gesundheit ist. Was "politisch relevant" ist, setzt sich durch, nur bei Corona hat es nie einen Diskurs divergierender Positionen gegeben, sondern von vornherein eine politische Entscheidung über die einzigartige Gefahr der Pandemie, der sich die wissenschaftliche Diskussion (fast) ohne Widerspruch untergeordnet hat.

Wie es so weit kommen konnte, diese Frage will Guérot nicht mithilfe von Verschwörungstheorien beantworten, denn "es geht eigentlich nur um Machtsicherung, der ältesten Triebfeder der Menschheitsgeschichte". In einer politischen Analyse sollte es nicht nur darum gehen, Muster zu erkennen, die wir schon aus der Vergangenheit kennen. Wichtiger wäre es, die Ursachen und Methoden des Machtmissbrauches seit Ausbruch der Corona-Herrschaft auf den Punkt zu bringen, ihre Auswirkungen zu beleuchten und reale politische Auswege aufzuzeigen.

Guérot streift diese Themen, aber sie macht sich nicht schmutzig mit der Frage, wie wir den Karren aus der Kacke ziehen sollen: "Die Privilegierten schaffen es meistens, ein Macht- und Hierarchiesystem zu etablieren, indem sie die Gruppe der Überrumpelten (die unsortierte Mehrheit) spalten und gleichzeitig dafür sorgen, dass aus dieser Gruppe genügend Leute von der neuen Ordnung profitieren, etwa dadurch, dass wirtschaftliche Anreize geschaffen werden. [...] Ein Schelm, wer dabei an Corona denkt ... Machtstrukturen als Treiber vermeintlich notwendiger Corona-Maßnahmen zu durchleuchten, ergibt daher viel mehr Sinn, als diese nach Verschwörungsmythen zu durchforsten."

Über das Solidaritätsargument: "Žižek, Chomsky oder auch Habermas schrieben ihre dümmsten Artikel ever. Dem Nimbus der Solidarität, des unbedingt Guten der verabsolutierten Lebensrettung waren alle erlegen, so betörend war die Idee." Auch wenn wir an einen Essay nicht den Anspruch an wissenschaftliche Exaktheit stellen, so wären an der Stelle ein paar Fußnoten angebracht gewesen, auf welche Schriften sich die Autorin bezieht. Unser Kandidat 2022 kann nur in Bezug auf Slavoj Žižek den Rundumschlag der Autorin bestätigen.

Über Querdenker schreibt die Autorin in ihrer Utopie der Post-Corona-Ära: "Wir rehabilitieren den Begriff des Querdenkers, denn ohne Querdenken kann keine Demokratie bestehen." Und in ihrer Danksagung dankt sie "auch jenen Querdenker:innen, die schon sehr früh thematisiert haben, was so langsam für eine (verblüffte) Mehrheit der Gesellschaft sichtbar wird: nämlich dass Corona zwar eine traurige und tragische Realität ist, die pandemische Erzählung und die Maßnahmen, die auf ihre beruhen, indes überzogen und eine fast groteske Inszenierung waren." Unser Kandidat 2022 bekennt sich dazu, dass er zu den Querdenkern der 1. Stunde zählt und seit 11. März 2020 das "Corona-Tagebuch eines Querdenkers" geführt hat.