Frankl Viktor: Zeiten der Entscheidung

Vor mehr als 40 Jahren, noch vor meiner Matura, habe ich Viktor Fankls Bücher gelesen. Der Sammelband "Zeiten der Entscheidung", erschienen 2022 im Benevento-Verlag, ruft mir in Erinnerung, wie tief mich seine Werke geprägt haben.

Im Unterschied zur Psychoanalyse in der Tradition Sigmund Freuds, die aufspürt was der Patient verdrängt hat, also in die Vergangenheit gerichtet ist, hilft die Logotherapie dem Menschen den Blick auf seine eigene Zukunft zu lenken. Logotherapie ist in der Tradition Sokrates' Geburtshelferin. Im Gegensatz zur Psychoanalyse, die reduktionistisch auf den Sexualtrieb fixiert ist, ergründet die Existenzanalyse das Ganze des menschlichen Seins.

 Frankl Cover 800

"Es sündigt der analytische Psychologismus auf doppelte Weise wider das Geistige im Menschen: wider das subjektive Geistige, die geistige Person, und wider das objektiv Geistige, die objektiven Werte", schreibt Viktor Frankl, der oft salomonische Antworten findet, wo andere Psychotherapeuten gescheitert sind. Das Geheimnis des Erfinders der Existenzanalyse und Logotherapie: er unterscheidet in seiner Diagnose, ob ein Mensch mit geistigen, moralischen Konflikten vor ihm steht, oder ob die Ursache des Problems tatsächlich seelische Erkrankungen wie z.B. endogene Depressionen sind. Nicht jeder Mensch mit psychischen Problemen und psychosomatischen Symptomen ist ein Patienten mit psychischen Krankheiten.

Für die "leichten Fälle" hat Frankl zwei Methoden entwickelt, mit denen er vielen potenziellen Patienten langwierige Therapien erspart hat (psychisch und finanziell): die paradoxe Intention und die Methode der Dereflexion als Gegenmittel zur Hyperintention und Hyperreflexion. Man könnte darüber streiten, ob Frankl noch eine dritte "Methode" zur Problembewältigung gefunden hat, oder ob dies eine Grundeinstellung ist, zu der der jeder Mensch finden soll: der Humor.

"Die paradoxe Intention ist echteste Logotherapie. Der Patient soll die Neurose objektivieren und sich von ihr distanzieren, und zwar sich qua geistige Person von der Neurose qua Affektion des psychophysischen Organismus, das heißt, das Geistige im Menschen soll vom Seelischen an ihm abrücken." Sie ist insbesondere zur Heilung von Angst und Zwangsstörungen geeignet. "Bei Psychosen ist hingegen größte Vorsicht mit ihr geboten. Bei endogenen Depressionen ist sie strikt kontraindiziert, und bei schizophrenen Symptomen darf sie (neben der notwendigen Medikation) nur in Ausnahmefällen zur Anwendung gelangen."

Der "Trick" der paradoxen Intention besteht lediglich darin, den Patienten aufzufordern, jene Orte und Situationen aufzusuchen, die Angst in ihm auslösen, oder jene Probleme (z.B: Schweißausbruch, Stottern, Schlaflosigkeit) zu wollen, die er vermeiden will. Die Dereflexion geht noch einen Schritt weiter: "Dereflexion meint letzten Endes: sich selbst ignorieren. [...] etwas ignorieren – also die geforderte Dereflexion leisten – kann ich nur, indem ich an diesem Etwas vorbei agiere, indem ich auf etwas anderes hin existiere. Und hier schlägt die Psychotherapie um in Logotherapie, in Existenzanalyse – deren Wesen in gewissem Sinne ja darin liegt, dass der Mensch ausgerichtet wird und hingeordnet auf den (jeweils erst analytisch zu erhellenden) konkreten Sinn seines persönlichen Daseins."

Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Frankl, dass Menschen, die lernen sich ihre Zwangsneurosen zu wünschen, dies auch mit einer Portion Selbstironie bzw Humor tun. So löst der Humor, mit dem man sich von außen beobachtet, jene Gefangenschaft aus der man oft verkrampft aber vergeblich ausbrechen wollte.

Das Buch enthält viele Weisheiten aus der Feder von Viktor Frankl, die von zeitloser Gültigkeit sind:

"Die Existenzanalyse stellt in den Vordergrund ihres Gesichtsfeldes die Sinnorientiertheit und die Wertstrebigkeit des Menschen."

"Ich bin arbeitslos, folglich bin ich nutzlos, folglich ist mein Leben sinnlos. Es handelte sich also im Grunde um ein Sinnlosigkeitsgefühl, das die Depression ausgelöst hatte! [… ] Es gibt also nicht nur einen Hunger nach Brot, sondern sehr wohl auch einen Hunger nach Sinn!"

"Freud hat uns gelehrt, wie wichtig das Entlarven ist. Aber ich denke, irgendwo muss es auch Halt machen, und zwar dort, wo der »entlarvende Psychologe« mit etwas konfrontiert ist, das sich eben nicht mehr entlarven lässt, aus dem einfachen Grunde, weil es echt ist. Der Psychologe aber, der auch dort noch nicht aufhören kann zu entlarven, entlarvt nur die ihm unbewusste Tendenz, das Echte im Menschen, das Menschliche im Menschen zu entwerten."

"Die Freiheit des Menschen schließt dessen Freiheit in sich ein, zu sich selbst Stellung zu nehmen, sich selbst gegenüberzutreten und sich zu diesem Zwecke zunächst einmal von sich selbst zu distanzieren. […] Worauf es ankommt, ist nämlich tatsächlich nicht die Angst oder was für Gefühle immer wir gerade haben mögen, vielmehr einzig und allein, wie wir zu ihnen Stellung nehmen, also unsere Einstellung. Diese Einstellung jedoch ist jeweils eine eben frei gewählte."

"Ursachen sind nicht dasselbe wie Gründe. Wenn jemand Zwiebeln schneidet, dann weint er. Seine Tränen haben eine Ursache. Aber er hat keinen Grund zu weinen."

"Während sich der Nihilismus von gestern durch das Gerede vom Nichts verriet, tut es der Nihilismus von heute durch die Redewendung 'nichts als'. Der Mensch wird hingestellt als nichts als ein 'nackter Affe', um diesen Bestsellertitel aufzugreifen, oder ein Computer."

"Das Ich ist niemals faktisch, sondern fakultativ. Dasein erschöpft sich nicht in irgendeinem Sosein. Existenz 'ist in' je ihrer Faktizität, aber sie geht in der eigenen Faktizität nicht auf. Sie ek-sistiert eben, und das will heißen: dass sie über ihre eigene Faktizität immer auch schon hinaus ist."

"Es ist nicht die Aufgabe des Geistes, sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln. Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet- und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, sei es auf jemand, sei es auf ein Werk oder auf einen Menschen, auf eine Idee oder auf eine Person."