Stangl Manfred: Ästhetik der Ganzheit

Es ist unmöglich in die Fußstapfen von Egon Friedell zu treten, der mit seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit" ein epochales Werk geschaffen hat. Diese Intention hatte Manfred Stangl nie, das Unmögliche ist ihm trotzdem gelungen. Sein Buch "Ästhetik der Ganzheit" könnte auch den Titel "Kulturgeschichte der Moderne" tragen.

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Moderne / Postmoderne / Hochpostmoderne charakterisiert Stangl schon in der Einleitung: "Die Regel herrscht derzeit, keine zu befolgen - Neuheit, Originalität, Außerodentliches und artifizielle Form gelten als Kunst. ... Harmonie, Schönheit, Ordnung gelten als erzkonservative Werte, Fortschritt heißt das Gute, selbst wenn er Mensch und Natur zerstört." (25) Unter "Hochpostmoderne" versteht Stangl den "ziemlich weit verbreiteten Stand der Anti-Ästhetik, die sich schon im Unwillen zeigt, den Begriff 'Ästhetik' gelten lasse zu wollen (wozu auch, wenn nichts Verbindliches existiert außer das 'stets neue Schaffen' der KünstlerInnen und das persönliche Geschmacksurteil?)". (197)

Im Kapitel "Die Anti-Ästhetik der Hochpostmoderne" werden die Codes der Modernen-Kunst entschlüsselt. An erster Stelle Tabubruch: außer dem "Ich-Kritik-Tabu" will die Moderne alle Tabus brechen. Provokation ist dafür das geeignete Mittel, in vielen Fällen auch Selbstzweck. Weitere Codes: Ekelmaximierung, womit Damien Hirst berühmt wurde, Zitierwut (Namedropping), Überbetonung der Idee, von der bereits Generationen von Konzeptkünstlern leben, wobei deren Idee oft nur darin besteht, Dinge des Alltags zu Kunstobjekten zu erheben. (Anmerkung: Desiderat ist nach wie vor eine Kunstgeschichte, die allein die Frage beantwortet: wer hat was, wann, wo zum ersten Mal zur Kunst erklärt? Denn der Nachweis, mit einer Idee Erster gewesen zu sein, ist für die Moderne ebenso wichtig wie der erste Platz auf der Streif für den Schisport.) Übermalungen in der Bildenden Kunst (im Regietheater Überschreibungen der Originaltexte) und Verrätselnde Vielschichtigkeit: "Vielschichtigkeit gilt laut Werner Hofmann als Kriterium der modernen-Kunst, die lineare Einfältigkeit und doktrinäre Formenkanons unterläuft. Zu bemängeln scheint die Usance, diese Vielschichtigkeit heute als Verrätselungstechnik einzusetzen, um Unnachvollziehbares zu kreieren, sodass sie zum Code mutierte." (201)

Über all diesen Codes steht als höchste Instanz der Moderne: das Ich. Darauf aufbauend Individuum-Kult und Ich Ideologie. Selbstinszenierungskunst ist die logische Konsequenz dieses Zeitgeistes. Die Marke und der Marktwert sind die wichtigsten Kriterien der Moderne, und somit entscheidend ob Werke eines Künstlers als bedeutend oder bedeutungslos eingeschätzt werden. Ob Damien Hirst mit einem Haifisch schockiert oder Paris Hilton mit ihren Hüften schwingt - beide sind Ikonen der Moderne, was dazu führt. dass deren Ego immer größer wird, weil sich alle Blicke auf sie richten, was dazu führt, dass sich immer mehr Blicke auf sie richten, weil deren Ego alles überstrahlt, und so weiter und so fort bis die Blase platzt. Das wiederum ist kein Problem für die Moderne, denn unzählige halb oder ganz aufgeblasene Künstler warten bereits darauf, als nächste überdimensionale Blase abzuheben.

Rund zwei Drittel des Buches drehen sich um das Leitmotiv der Moderne, die Ich-Vergottung und die seltsamen Blüten, die dieser quasireligiöse Kultus treibt, sowie die Apologeten dieser Ersatz-Religion. Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich mit den Prinzipien einer Ästhetik der Ganzheit, ihren Stilmitteln und Theorien. Die wichtigsten Prinzipien: Mitgefühl, Einfachheit, Natürlichkeit, Sinnlichkeit, Stille, Ausgewogenheit, Kritik, Ironie und nicht zuletzt Schönheit.

"Mitgefühl, im Sinne ganzheitlicher Deutung, geht stets mit Gerechtigkeit einher. ... verunglimpft man das eine, relativiert sich auch das andre." (262)

"Einfachheit heißt also: zurück zum Wesen der Natur. (267) ... Einfachheit hat im ganzheitlichen Charakter mit Intuition mehr zu tun als mit den Ideen. ... Einfach ist der Rhythmus des Meeres; die Wellen sind die Gesänge des Mondes". (270)

"Sinnlichkeit meint nicht die grelle Flut an Bildern gestylter Schönheit, oder am Computer nachbearbeiteter Körper. ...Ebenso wenig hat Sinnlichkeit mit der krassen Betonung der Sexualität generell zu tun ... Sinnlichkeit spiegelt in erster Linie Lebendigkeit wider." (271f) In "Walden" von Henry D. Thoreau und in vielen Werken von Peter Rosegger, dem er ein ganzes Kapitel widmet, findet Stangl die Prinzipien Einfachheit, Natürlichkeit und Sinnlichkeit vereint.

"Kritisieren und ironisieren wir viel, müssen wir ausgewogen dazu von der Schönheit sprechen, von Sinnlichkeit und Emotion, von Beziehung und Kommunikation: von allem, das die Welt auch schön und lebenswert gestaltet, nicht bitter sie preisgibt zersetzendem Hohn." (328)

Stille ist ein "unerlässliches Prinzip in der Hochzeit des Lärms und Geschwätzes, der ununterbrochenen sinnlosen Bewegung, der Verherrlichung von Dynamik und Aktion, des Rasens im Hamsterrad ..." (285)

Wie einleitend erwähnt, könnte "Ästhetik der Ganzheit" als Kulturgeschichte der Moderne und des Modernismen gelesen werden. Als Gegenentwurf zur Moderne muss die Ästhetik der Ganzheit naturgemäß unmodern sein. Dazu gehören die Unterscheidung von männlichem und weiblichem Prinzip. Für männlich stehen auch logisches und lineares Denken, für weiblich analoges und zyklisches Denken. Nicht zuletzt: ausschließender versus integrativer Wahrheitsbegriff.

"Auf die Verabsolutierung des Relativen antwortet Ganzheit mit der Relativierung des Absoluten. Noch einmal sei erinnert, dass ein ganzheitliches Weltbild vom weiblichen Wahrheitsbegriff ausgeht, der das Miteinander und das Gleichwertige als Wahrheit begreift, nicht das hierarchische unterteilende Ausschließen in eindeutiges Wahr oder Falsch betreibt. Allerdings transzendiert die Lehre von der Ganzheit die Einzelpunktsetzung einer alles relativierenden, unverbundenen Postmoderne." (293)

Kann die Ästhetik der Ganzheit die Moderne aufheben, ablösen, überwinden oder transzendieren? "Ganze, ebenmäßig beschaffene Menschen haben für alles Zeit. In jedem Stadium der Arbeit fühlen sie sich behaglich, sie denken nicht immer nur ans Fertigwerden, sie denken auch ans Gutmachen ihrer Arbeit und freuen sich daran. Und der Wanderer gelangt nicht allzu übermäßig nach dem Ziele, es ist ihm auch das Unterwegs recht, er denkt, dass jede Minute zum Leben gehört und dass man jede Minute mit dem was sie bringt, bedächtig wahrnehmen soll." Möge diese nicht moderne, aber zeitlose Formulierung als Antwort auf unsere abschließende Frage dienen. Peter Rosegger gab sie im Jahr 1907 in einem Artikel, den mit einem Code der Moderne als "programmatisch" bezeichnen könnte: "Zeit lassen".

Manfred Stangl

Ästhetik der Ganzheit

Edition Sonne und Mond, 2020