Hofbauer/Kraft: Lockdown 2020

(Pressemitteilung des Verlags) Ausgangssperren, Schul- und Geschäftsschließungen, Aufhebung der Versammlungs- und Bewegungsfreiheit, dicht gemachte Grenzen und der damit verbundene staatliche Zwang veränderten innerhalb weniger Wochen die Welt. Das Jahr 2020 bringt die heftigsten gesellschaftlichen Einschnitte seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine tiefe Rezession, massenhafte Arbeitslosigkeit und schwere soziale Verwerfungen sind die Folgen des Lockdown 2020. Als noch gravierender entpuppen sich die politischen Handlungen: Ohne offene Debatte setzte man Notverordnungen durch, wurden Grundrechte beiseite geschoben, geriet der Ausnahmezustand zur neuen Normalität.

Gründe genug für die zwei Wiener Verleger Hannes Hofbauer und Stefan Kraft, kritische Stimmen in einem Buch zu versammeln, das sich mit den Hintergründen und Folgen der Virus-Maßnahmen auseinandersetzt. Neben den Beiträgen der Herausgeber finden sich Artikel von Ulrike Baureithel, Matthias Burchardt, Chuang-Blog, Rolf Gössner, Bernhard Heinzlmaier, Joachim Hirsch, Andrej Hunko, Andrea Komlosy, Jochen Krautz, Armando Mattioli, Alfred J. Noll, Peter Nowak, Walter van Rossum, Roland Rottenfußer, Gerhard Ruiss, Nicole Selmer, Andreas Sönnichsen und Valentin Widmann.

Viele Beiträge beschäftigen sich mit der Frage, ob die scharfen Einschnitte im öffentlichen Leben medizinisch gerechtfertigt waren. Zur Sprache kommt auch die Verknüpfung von Stress, Umweltverschmutzung und Massentierhaltung, die eine Verbreitung von Viren begünstigt. Globale Güterketten und die viel beschworene Mobilität der Besserverdienenden erscheinen durch die weltweite Verbreitung des Virus in einem neuen Licht. Abschließend geht das Buch auf die Umgestaltung sozialer Beziehungen und Arbeitsverhältnisse, auf neue Ungleichheiten in Bildung und Geschlechterverhältnissen und die vermehrte Anwendung von „Künstlicher Intelligenz“ ein, Faktoren, die ein kybernetisches Zeitalter ankündigen.

Hofbauer, Hannes / Kraft, Stefan (Hg.): Lockdown 2020.

Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern

Promedia 2020. 280 S. 14,8 x 21. brosch.

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Mattmann-Allamand Peter: Deglobalisierung

Die 68er-Bewegung etnwickelte erste Ansätze einer Kritik der modernen Lebensweise. Sie machte die Ökologie und die Frauenfrage zu wichtigen politischen Themen. Kapitalismus, Imperialismus, Krieg, Wachstum und Fortschrittsmythos wurden infrage gestellt. Der Schweizer Autor Peter Mattmann-Allamand hat die 68er-Bewegung als politischer Aktivist von ihren Anfängen 1968 bis zu ihrem Ende in den 1990er Jahren miterlebt und mitgestaltet. Er war Mandatar der Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH) im Kantons- und Stadtparlament von Luzern bis er 1995 t aus der Grünen Partei ausstrat. Grund war deren Kurswechsel in der EU-Beitrittsfrage.

Mattmann-Allamands leidvolle Erkenntnis: Der Kurswechsel der 68er und Grünen ins Lager des Globalismus hat der Globalisierung den Weg geebnet. Die weltweit geforderte „Klimaneutralität“ klingt zwar wie ein ökoloisches Zauberwort, doch zur Erreichung dieses Ziels werden nur die Energieträger ausgewechselt. Indessen geht die Fahrt in die bisherige, falsche Richtung mit Vollgas weiter. Die als „Green Deal“ getarnte Wachstumsstrategie bleibt unwidersprochen.

Der Globalismus propagiert einen unökologischen und autoritären Ausweg aus den aktuellen Problemen. Die Weltkonzerne konnten ihre Macht auf Kosten der lokalen Wirtschaft, Politik und Demokratie massiv ausbauen. (Siehe auch: Thilo Bode "Die Diktatur der Konzerne") Der Verrat der 68er an den eigenen Idealen hatte in den 1990er-Jahren das abrupte Ende der Bewegung zur Folge. Das Ja zum NATO-Krieg in Jugoslawien und das Ja zum EU-Binnenmarkt setzten sowohl der Friedensbewegung wie der ersten Umweltschutzbewegung ein Ende.

Der Autor, im Hauptberuf Facharzt für Innere Medizin und Homöopathie, schlägt einen Richtungswechsel der Politik um 180 Grad vor: Deglobalisierung, d.h. Lokalisierung und Kleinräumigkeit, Regeneration des Ökosystems, qualitative Entwicklung statt quantitatives Wachstum, tendenzielle Dedigitalisierung, Dekommerzialisierung, Deindustrialisierung und Demotorisierung.

"Eine Politik der Deglobalisierung erfordert keinen revolutionären Gestus, nur Ideologiekritik und neue Bündnisstrategien. Erst wenn das vom Globalismus durch gezielte Links-Rechts-Polarisierung verhinderte antiglobalistische Bündnis zustande kommt, öffnet sich ein Ausweg. Das Buch richtet sich deshalb an besorgte BürgerInnen aller politischen Couleurs. Der von der Jugend wiedererweckten Ökobewegung wünscht der Autor, dass sie die Fehler der 68er nicht wiederholt, nicht zum Feigenblatt der globalistischen 'grünen' Wachstumsstrategie verkommt und eine wirkliche ökologische Wende einleitet", schreibt der Autor im Vorwort.

Peter Mattmann-Allamand

Deglobalisierung. Ein ökologisch-demokratischer Ausweg aus der Krise

Promedia Wien 2021

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Donner Monika: Corona-Diktatur. Wissen, Widerstand, Freiheit

Monika Donner 2021 08 21

Monika Donner liefert eine brillante Analyse der neueren Geschichte seit Ausrufung der Corona-Pandemie durch die WHO. Diese Periode nennt sie "Corona-Diktatur". Das 641 Seiten starke Buch umfasst historisch das erste Drittel der nun schon eineinhalb Jahre andauernden Diktatur und stützt sich auf 1.637 Quellen-Angaben. Im Unterschied zu gängigen wissenschaftlichen Werken, die oft nur aus einer beliebigen Aneinanderreihung von Zitaten bestehen, formuliert Donner Thesen, analysiert die Fakten und fördert dabei Quellen zutage, die man in den Massenmedien vergeblich sucht.

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Sloterdijk Peter: Du mußt dein Leben ändern

Peter Sloterdijk Karlsruhe
Es ist wahrhaftig eine akrobatische Meisterleistung, in einem epochalen Werk über die Zivilisationsgeschichte die Begriffe „Ethik“ und „Moral“ weitgehend zu vermeiden. Es ist jedoch der Gipfel dieser neuen Weltanschauung, jene (höheren) Institutionen, die seit Jahrtausenden Moralen erfunden sowie verbreitet und damit Menschen geprägt und unterdrückt haben, nämlich die Religionen, einfach auszulöschen. Nicht gedankenexperimentell oder arbeitshypothetisch sondern postfaktisch.

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Rifkin Jeremy: Die empathische Zivilisation

Der Ökonom, Sozialtheoretiker, Politberater und Aktivist, Jeremy Rifkin hat der Empathie ein Buch gewidmet, um damit „Wege zu einem globalen Bewusstsein“ zu weisen. Das Konzept ist zukunftsorientiert und deshalb begrüßenswert. Der letzte Satz des Buches bringt Rifkins Utopie auf den Punkt: „Der Kollaps der Erde lässt sich nur verhindern, wenn eines rechtzeitig die ganze Menschheit umfasst: das universalisierte empathische, das biosphärische Bewusstsein.“ Damit landet Rifkin punktgenau bei dem Paradoxon jeder Utopie: sie ist endzeit-orientiert (quasi-religiös eschatologisch) und hilft uns mit seinem Ausschließlichkeits-Anspruch („lässt sich nur verhindern“) bei der Lösung der akuten Probleme unserer Zeit relativ wenig. Genauer gesagt: gar nicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil begründet Rifkin die These des empathischen Bewusstseins biologisch: „Unser Gehirn ist auf Empathie geschaltet – es ist unsere Natur, es ist das, was uns zu sozialen Wesen macht. Und alles spricht dafür, dass das Drehbuch zur Evolutionsgeschichte des Menschen umgeschrieben werden muss.“ Den Anfang dazu hat Rifkin schon mal gemacht. Nach der biologischen Prämisse ist prinzipiell fraglich, wozu er den zweiten Teil des Buches „Empathie und Zivilisation“, die historische Herleitung der Empathie, benötigt. Wohl damit „das Zeitalter der Empathie“, so der Titel des dritten Teils, nicht den Anschein erweckt, es würde uns überrumpeln. Hier erklärt Rifkin auch den Zusammenhang von Natur und Zivilisation: „Das weltweite Reisen hat wie die weltweiten elektronischen Medien und die weltweite Migration das zentrale Nervensysem unserer Spezies erweitert“. Man kann davon ausgehen, dass Rifkins Thesen bei Biologen voll einschlagen werden. Allerdings anders, als er sich erhoffen dürfte.

Es ist nicht wirklich evident, dass unser Gehirn auf Empathie geschaltet ist, aber man kann zumindest die Behauptung aufstellen, dass wir unser Verhalten auf Empathie umschalten können. Die Empathie ist eine Einstellung, aber nicht jede Einstellung ist empathisch. Eine Einstellung ist keine biologische Grundprogrammierung, da ja sonst jeder Mensch mit der gleichen Einstellung zur Welt käme, sondern Ergebnis der Moral, mit der wir aufwachsen. Und so, wie die Erziehung durch die Eltern in der Selbsterziehung mündet („Selbstverwirklichung“ ist dafür der gebräuchliche Begriff), so sollte jeder Mensch imstande sein, die Einstellungen, die er als Kind mit bekommen hat, als Erwachsener selbständig, autonom, zu verändern.

Seine Einstellung zu ändern ist vergleichbar mit dem Stimmen eines Instruments. Die Empathie ist vergleichbar mit Taktgefühl und das Orchester ein idealtypisches Modell einer Gesellschaft. In welchem Orchester willst du spielen? Welches Instrument willst du spielen? Wie stellst du dich auf die anderen Musiker ein? Wenn du dich einmal für die Violine entschieden hast, bist du nicht gezwungen, nur noch dieses Instrument zu spielen. So kannst du auch deine Einstellungen jederzeit selbst ändern, du musst nicht auf die Profis der Werbeindustrie und Propagandaabteilungen der Politik warten, bis sie diesen Job übernehmen!

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Moral 4.0

Jeremy Rifkin

Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein

Frankfurt am Main, 2010

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Russell Bertrand: Formen der Macht

Russel Bertrand Macht

Bertrand Russell, 1872-1970, Mathematiker, Philosoph, Autor dutzender Bücher, darunter keine einzige Fiktion, aber trotzdem Literaturnobelpreisträger 1949, Friedensaktivist und Antiimperialist, hat 1938 das Buch „Power. A New Social Analysis“ publiziert (deutsche Übersetzung „Macht“ 1947, Neuauflage 2009 unter dem Titel „Formen der Macht").

Aus Russells Sicht der späten 1930er Jahre stehen Demokratie, Faschismus und Nationalsozialismus, sowie der Kommunismus im direkten Machtkampf und Propaganda-Wettbewerb um die politische Vorherrschaft. Aber auch königliche Macht, wirtschaftliche Macht, die Macht des Glaubens, sowie Moral und Ethik der Macht stehen im Fokus von Russells Betrachtungen.

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Dalai Lama: Das Buch der Freiheit

Dalai Lama Tenzin Gyatso

Am 17. November 1950 wurde dem Dalai Lama die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen. Tenzin Gyatso, so sein Mönchsname, war damals gerade erst 15 Jahre und offensichtlich von dieser Aufgabe überfordert, zumal Tibet kurz davor Chinas Volksbefreiungsarmee in Tibet zur "friedlichen Befreiung" des Landes einmarschiert war. "Vom Kommunismus hatte ich absolut keine Ahnung, außer, daß die Bevölkerung der Mongolei sehr darunter gelitten hatte", bringt der Dalai Lama seine damalige kindliche Sicht zum Ausdruck. Auch gesteht er in seinen Memoiren: "Ich entwickelte eine richtige Begeisterung für die Möglichkeiten einer Vereinigung Tibets mit der Volksrepublik China. Je mehr ich mich mit dem Marxismus beschäftigte, desto besser gefiel er mir."

Foto: Tenzin Gyatso der 14. Dalai Lama während eines Besuchs in Wiesbaden im Juli 2015, CC BY-SA 3.0

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Kirstein Werner: Klimawandel: Realität, Irrtum oder Lüge?

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Der Physiker Werner Kirstein hat seine Dissertation im Jahr 1981 zum Thema "Häufigkeiten von Korrelationen zwischen Sonnenaktivität und Klimaelementen" verfasst. Zehn Jahre später verteidigte er seine Habilitation zum Thema "Geographische Verteilungsmuster der rezenten Klimavariabiltität - Aspekte zur Klimageographie der Nordhemisphäre." 1997 bis zu seiner Emeritierung 2011 war er Professor an der Universität Leipzig. Es wird wohl schwer sein einen Experten zu finden, der die Frage "Klimawandel: Realität, Irrtum oder Lüge?" kompetenter beantworten könnte.

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Gates Bill: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern

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Wenn ein Manager innovative Entwicklungen umsetzen will, dann beginnt er mit Analysen und Machbarkeits-Studien bevor er einen entsprechenden Plan zur Umsetzung entwickelt. Wenn einer der reichsten Unternehmer dieser Welt eine Mission verfolgt, geht er genau so vor. „Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind“, das erläutert Bill Gates in seinem neuen Buch „Wie wir die Klima Katastrophe verhindern“.

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Menasse Robert: Die Hauptstadt

Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.“

Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe.“

Letztlich ist der Tod auch nur der Beginn von Folgeerscheinungen.“

Nicht nur mit diesen philosophischen Aphorismen beweist Robert Menasse, dass er in die Fußstapfen von Robert Musil getreten ist, sondern auch mit dem Fundamet und dem Gerüst, das er seinem Roman gegeben hat. Musil hat mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE) Philosophie und Dichtung vereint und damit dem Zeitgeist der KuK-Monarchie, der im Fin de Siècle ein letztes Mal aufblühte um endgültig zu verblühen, ein Denkmal gesetzt. „Die Hauptstadt“ ist ein Denkmal, das der EU gewidmet ist. Es ist ein Denkmal für eine Epoche, die blüht. Derzeit noch.

Zeitbedingt ersetzt Menasse Wien durch Brüssel, KK durch EU. Und es geht auch bei Menasse um die zündende Idee für eine Jubiläumsfeier, die als Parallelaktion konzipiert ist.

Die Geburt der Idee beschreibt Musil so: „Dr. Paul Arnheim war nicht nur ein reicher Mann, sondern er war auch ein bedeutender Geist. Sein Ruhm ging darüber hinaus, daß er der Erbe weltumspannender Geschäfte war, und er hatte in seinen Mußestunden Bücher geschrieben, die in vorgeschrittenen Kreisen als außerordentlich galten. … Arnheim verkündet in seinen Programmen und Büchern noch dazu nichts Geringeres als gerade die Vereinigung von Seele und Wirtschaft oder von Idee und Macht. … Arnheim wurde entzückt, als er in Diotima eine Frau antraf, die nicht nur seine Bücher gelesen hatte, sondern als eine von leichter Korpulenz bekleidete Antike auch seinem Schönheitsideal entsprach, … 'man müßte -' hatte sie gesagt, und Arnheim unterbrach sie: Das sei ganz wundervoll; 'neue Ideen oder, wenn es erlaubt sei zu sagen (hier seufzte er leicht), überhaupt erst Ideen in Machtsphären zu tragen!' Und Diotima war fortgefahren: Man wolle Komitees aus allen Kreisen der Bevölkerung bilden, um dieses Ideen zu ermitteln. … Bis hierher hatte sich Diotima des Gespräch wörtlich wiederholt, aber an diesem Punkt löste es sich in Glanz auf; … Ein unbestimmtes, spannendes Glücks- und Erwartungsgefühl hatte sie die ganze Zeit über immer höher gehoben; nun glich ihr Geist einem ausgekommenen, kleinen, bunten Kinderballon, der herrlich leuchtend hoch oben gegen die Sonnen schwebt. Und im nächsten Augenblick zerplatzte er. Da war der großen Parallelaktion eine Idee geboren, die ihr bis dahin gefehlt hatte.“

Die Geburt der Idee beschreibt Menasse so: „Das Big Jubilee Project. … Es war Mrs Atkinsons [Generaldirektorin der DG KOMM] Idee gewesen. Fenia Xenopoulou war die Erste, die darauf reagierte – und das Projekt rasch an sich zog. Das gehörte ins Kulturressort, fand Fenia, keine Frage. Das war die Chance, auf die sie gewartet hatte, um Visibilité zu zeigen. … Mich interessiert die Sache nicht, hätte Martin am liebsten gesagt. Er beschloss, ganz einfach allen recht zu geben, um sich nicht zu exponieren. In Anbetracht der Bedeutung dieser Angelegenheit, sagte er in Richtung Fenia, sei klar, dass – und nun in Richtung Bohumil: - die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen. … Es habe keine andere Idee gegeben als diese: anlassbedingt ein Jubiläum zu feiern. Aber der Anlass allein sei eben noch keine Idee. … So war Martin Susman in die Falle getappt. Nach einigem Hin und Her sagte Fenia Xenopoulou: Schluss jetzt, der Einzige, der sich offenbar Gedanken gemacht habe, sei Martin. Es sei absolut logisch, was er gesagt habe. Das Um und Auf sei eine zentrale Idee. Sie beauftragte Martin, die Idee zu entwickeln und ein entsprechendes Papier zu schreiben.“

Musils „Ulrich“ heißt bei Menasse „Martin“, er ist österreichischer Beamter in der Kulturabteilung, ausgestattet mit Intelligenz, aber, so wie Ulrich, mit unterentwickeltem Karrierebewusstsein. Er bringt „die Idee“ aufs Tapet und muss für die Realisierung auch gleich die Verantwortung übernehmen. „Die Kultur“, bislang ein Abstellgleis der Kommission, erhält so eine unerwartete Aufwertung: „Jeder Mitgliedstaat der EU hatte das Anrecht auf einen Kommissar-Posten, … Als nach den damaligen Europawahlen die Ressorts neu besetzt wurden, kam das Gerücht auf, dass … Österreich … 'die Kultur' bekommen sollte. … Die österreichische Koalitionsregierung zerstritt sich, … die österreichischen Zeitungen machten Stimmung und sie konnten sich auf die Entrüstungsbereitschaft ihrer Leser verlassen: 'Uns droht die Kultur!' Oder: 'Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!' Das scheint als Reaktion sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich dieses Land als 'Kulturnation' – nun, vielleicht nicht 'begriff', aber doch gerne bezeichnete.“

Man könnte „Die Hauptstadt“ mit dem Wiener Grand Hotel vergleichen, dessen Fassaden stehen geblieben sind um es innen auf den alten Fundamenten völlig neu zu errichten. Doch für einen brillanten Schriftsteller wie Menasse ist die Neu-Adaptierung des MoE keine ausreichende Herausforderung. Wenn ein Plot so stark ist, dass er als Remake für jede Generation neu erfunden werden kann, dann gilt: „A Star is born!“ Eine Wiedergeburt – die Auferstehung der Parallelaktion - ohne zureichenden Grund wäre gemäß dem Prinzip des unzureichenden Grundes zwar möglich, aber nicht wirklich spannend für einen Autor mit Möglichkeitssinn.

Um seine schriftstellerischen Möglichkeiten voll auszuspielen führt Menasse einen zweiten Plot parallel, den er Dan Browns „Illuminati“ entlehnt. Und dazwischen findet noch Franz Kafkas „Die Verwandlung“ Platz. Das Personal des MoE ebenso wie der „Hauptstadt“ ist wohlhabend, wenn auch gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten ihrer Epochen nicht wirklich reich, nicht „superreich“, wie man heute sagen würde. Doch immerhin ideenreich - gemessen am jeweiligen Zeitgeist, sofern dieser nicht idealistisch als Vorläufer seiner Zeit, sondern empirisch als Spiegel seiner Zeit verstanden wird.

Die dritte Parallele zeichnet Florian, der ältere Bruder von Martin, der schon früh den Schweinezuchtbetrieb seines Vaters übernehmen musste und zu einem Schlachthof ausgebaut hat. Als Obmann der EPP, European Pig Producers, die mit EPP, European People´s Party, im Clinch liegt, ist er international viel unterwegs. Am Weg nach Ungarn – als Opfer eines Auffahr-Unfalls auf der Autobahn - zieht sich Florian Susman schwere Verletzungen zu: „Und jetzt lag er da wie ein auf den Rücken gefallener Käfer. Jetzt war er verwandelt in einen hilflosen Käfer. Plötzlich. Einfach so. Und wartete darauf, versorgt zu werden.“ Martin fliegt umgehend von Brüssel nach Wien um seinem Bruder im Krankenhaus beizustehen und vernachlässigt die Vorbereitungen zum Big Jubilee. Das Projekt der Kommission wird indessen langsam aber sicher vom Rat viviseziert.

Während die Parallelführungen zu Musil und Kafka beweisen, dass, wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, es auch einen Möglichkeitssinn geben muss, beweist die Parallele zu Dan Brown, dass jedem Autor einmal die Phantasie durchgehen kann. Bei dieser Parallelaktion geht es um einen ungeklärten Mord. „Dass das Vertuschen des Mords im Hotel Atlas nicht bloß auf einen belgischen Staatsanwalt zurückging, sondern dass die Nato da irgendwie die Finger im Spiel hatte, war für [den Kommissar] Émile Brunfaut tatsächlich 'zu groß'.“ Die Brüssler Untersuchungsbehörden und die Nato als finstere Mächte, die eine Aufklärung verhindern wollen, sind dem Autor offenbar nicht genug, denn aus Sicht von Émile Brunfaut „wetteifern die Geheimdienste mit allen Mitteln um die Gunst des Vatikans, um Zusammenarbeit und Austausch mit der Kirche. Das war im Kalten Krieg so, und das ist mittlerweile nicht einmal mehr ein Gehemnis. Jetzt gibt es einen anderen Feind. Es ist nicht mehr der gottlose Kommunismus, der Feind heute heißt Islam.“

Dass alle Parallelen, die durch die Hauptstadt laufen, sich im Unendlichen treffen, lässt sich literaturwissenschaftlich nicht beweisen. Anders als Musils MoE bleibt „Die Hauptstadt“ nämlich nicht unvollendet und somit unendlich, sondern wird mit Seite 459 beendet. Leider aber nicht vollendet.

Robert Musil unterscheidet zwischen Schriftsteller und Dichter. Der Schriftsteller ist ein Meister seines Handwerks, dessen Leistungen sich im Markterfolg spiegeln. Der Dichter ist Denker, der imstande ist den für viele unfassbaren Zeitgeist in Worte zu fassen und zu einem Roman zu verdichten. Robert Menasse ist ein Dichter, und zweifellos einer der besten unserer Zeit. Meiner subjektiven Einschätzung nach: der Beste! Diese Einschätzung konnten, seit ich vor zwei Jahrzehnten seinen Erstlingsroman „Sinnliche Gewissheit“ gelesen habe, ein paar schwächere Titel wie „Schubumkehr“ und „Don Juan“ nicht erschüttern. Nach der Lektüre des Romans „Die Vertreibung aus der Hölle“ ist dieses Urteil für mich allerdings endgültig. Über „Die Vertreibung“ könnte ich keine Rezension schreiben, für diesen Roman gibt es nur einen Begriff: epochal.

Allein aufgrund dieser Lese-Erfahrungen ist die Erwartung an einen „wahren“ Menasse, der seinen Möglichkeitssinn literarisch vollkommen auslebt, entsprechend hoch. Und allein aufgrund dieser Erwartungshaltung wirkt „Die Hauptstadt“ wie das Auftragswerk eines Schriftstellers: gekonnt, ja sogar perfekt, besser als viele andere aktuelle Werke des Literaturbetriebs, aber doch nur Handwerk eines Schriftstellers mit Wirklichkeitssinn.

Robert Menasse

Die Hauptstadt

Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Video: Robert Menasse über die Vorgeschichte dieses Buches