Rifkin Jeremy: Die empathische Zivilisation

Der Ökonom, Sozialtheoretiker, Politberater und Aktivist, Jeremy Rifkin hat der Empathie ein Buch gewidmet, um damit „Wege zu einem globalen Bewusstsein“ zu weisen. Das Konzept ist zukunftsorientiert und deshalb begrüßenswert. Der letzte Satz des Buches bringt Rifkins Utopie auf den Punkt: „Der Kollaps der Erde lässt sich nur verhindern, wenn eines rechtzeitig die ganze Menschheit umfasst: das universalisierte empathische, das biosphärische Bewusstsein.“ Damit landet Rifkin punktgenau bei dem Paradoxon jeder Utopie: sie ist endzeit-orientiert (quasi-religiös eschatologisch) und hilft uns mit seinem Ausschließlichkeits-Anspruch („lässt sich nur verhindern“) bei der Lösung der akuten Probleme unserer Zeit relativ wenig. Genauer gesagt: gar nicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil begründet Rifkin die These des empathischen Bewusstseins biologisch: „Unser Gehirn ist auf Empathie geschaltet – es ist unsere Natur, es ist das, was uns zu sozialen Wesen macht. Und alles spricht dafür, dass das Drehbuch zur Evolutionsgeschichte des Menschen umgeschrieben werden muss.“ Den Anfang dazu hat Rifkin schon mal gemacht. Nach der biologischen Prämisse ist prinzipiell fraglich, wozu er den zweiten Teil des Buches „Empathie und Zivilisation“, die historische Herleitung der Empathie, benötigt. Wohl damit „das Zeitalter der Empathie“, so der Titel des dritten Teils, nicht den Anschein erweckt, es würde uns überrumpeln. Hier erklärt Rifkin auch den Zusammenhang von Natur und Zivilisation: „Das weltweite Reisen hat wie die weltweiten elektronischen Medien und die weltweite Migration das zentrale Nervensysem unserer Spezies erweitert“. Man kann davon ausgehen, dass Rifkins Thesen bei Biologen voll einschlagen werden. Allerdings anders, als er sich erhoffen dürfte.

Es ist nicht wirklich evident, dass unser Gehirn auf Empathie geschaltet ist, aber man kann zumindest die Behauptung aufstellen, dass wir unser Verhalten auf Empathie umschalten können. Die Empathie ist eine Einstellung, aber nicht jede Einstellung ist empathisch. Eine Einstellung ist keine biologische Grundprogrammierung, da ja sonst jeder Mensch mit der gleichen Einstellung zur Welt käme, sondern Ergebnis der Moral, mit der wir aufwachsen. Und so, wie die Erziehung durch die Eltern in der Selbsterziehung mündet („Selbstverwirklichung“ ist dafür der gebräuchliche Begriff), so sollte jeder Mensch imstande sein, die Einstellungen, die er als Kind mit bekommen hat, als Erwachsener selbständig, autonom, zu verändern.

Seine Einstellung zu ändern ist vergleichbar mit dem Stimmen eines Instruments. Die Empathie ist vergleichbar mit Taktgefühl und das Orchester ein idealtypisches Modell einer Gesellschaft. In welchem Orchester willst du spielen? Welches Instrument willst du spielen? Wie stellst du dich auf die anderen Musiker ein? Wenn du dich einmal für die Violine entschieden hast, bist du nicht gezwungen, nur noch dieses Instrument zu spielen. So kannst du auch deine Einstellungen jederzeit selbst ändern, du musst nicht auf die Profis der Werbeindustrie und Propagandaabteilungen der Politik warten, bis sie diesen Job übernehmen!

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Moral 4.0

Jeremy Rifkin

Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein

Frankfurt am Main, 2010

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Russell Bertrand: Formen der Macht

Russel Bertrand Macht

Bertrand Russell, 1872-1970, Mathematiker, Philosoph, Autor dutzender Bücher, darunter keine einzige Fiktion, aber trotzdem Literaturnobelpreisträger 1949, Friedensaktivist und Antiimperialist, hat 1938 das Buch „Power. A New Social Analysis“ publiziert (deutsche Übersetzung „Macht“ 1947, Neuauflage 2009 unter dem Titel „Formen der Macht").

Aus Russells Sicht der späten 1930er Jahre stehen Demokratie, Faschismus und Nationalsozialismus, sowie der Kommunismus im direkten Machtkampf und Propaganda-Wettbewerb um die politische Vorherrschaft. Aber auch königliche Macht, wirtschaftliche Macht, die Macht des Glaubens, sowie Moral und Ethik der Macht stehen im Fokus von Russells Betrachtungen.

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Dalai Lama: Das Buch der Freiheit

Dalai Lama Tenzin Gyatso

Am 17. November 1950 wurde dem Dalai Lama die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen. Tenzin Gyatso, so sein Mönchsname, war damals gerade erst 15 Jahre und offensichtlich von dieser Aufgabe überfordert, zumal Tibet kurz davor Chinas Volksbefreiungsarmee in Tibet zur "friedlichen Befreiung" des Landes einmarschiert war. "Vom Kommunismus hatte ich absolut keine Ahnung, außer, daß die Bevölkerung der Mongolei sehr darunter gelitten hatte", bringt der Dalai Lama seine damalige kindliche Sicht zum Ausdruck. Auch gesteht er in seinen Memoiren: "Ich entwickelte eine richtige Begeisterung für die Möglichkeiten einer Vereinigung Tibets mit der Volksrepublik China. Je mehr ich mich mit dem Marxismus beschäftigte, desto besser gefiel er mir."

Foto: Tenzin Gyatso der 14. Dalai Lama während eines Besuchs in Wiesbaden im Juli 2015, CC BY-SA 3.0

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Kirstein Werner: Klimawandel: Realität, Irrtum oder Lüge?

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Der Physiker Werner Kirstein hat seine Dissertation im Jahr 1981 zum Thema "Häufigkeiten von Korrelationen zwischen Sonnenaktivität und Klimaelementen" verfasst. Zehn Jahre später verteidigte er seine Habilitation zum Thema "Geographische Verteilungsmuster der rezenten Klimavariabiltität - Aspekte zur Klimageographie der Nordhemisphäre." 1997 bis zu seiner Emeritierung 2011 war er Professor an der Universität Leipzig. Es wird wohl schwer sein einen Experten zu finden, der die Frage "Klimawandel: Realität, Irrtum oder Lüge?" kompetenter beantworten könnte.

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Gates Bill: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern

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Wenn ein Manager innovative Entwicklungen umsetzen will, dann beginnt er mit Analysen und Machbarkeits-Studien bevor er einen entsprechenden Plan zur Umsetzung entwickelt. Wenn einer der reichsten Unternehmer dieser Welt eine Mission verfolgt, geht er genau so vor. „Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind“, das erläutert Bill Gates in seinem neuen Buch „Wie wir die Klima Katastrophe verhindern“.

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Menasse Robert: Die Hauptstadt

Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.“

Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe.“

Letztlich ist der Tod auch nur der Beginn von Folgeerscheinungen.“

Nicht nur mit diesen philosophischen Aphorismen beweist Robert Menasse, dass er in die Fußstapfen von Robert Musil getreten ist, sondern auch mit dem Fundamet und dem Gerüst, das er seinem Roman gegeben hat. Musil hat mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE) Philosophie und Dichtung vereint und damit dem Zeitgeist der KuK-Monarchie, der im Fin de Siècle ein letztes Mal aufblühte um endgültig zu verblühen, ein Denkmal gesetzt. „Die Hauptstadt“ ist ein Denkmal, das der EU gewidmet ist. Es ist ein Denkmal für eine Epoche, die blüht. Derzeit noch.

Zeitbedingt ersetzt Menasse Wien durch Brüssel, KK durch EU. Und es geht auch bei Menasse um die zündende Idee für eine Jubiläumsfeier, die als Parallelaktion konzipiert ist.

Die Geburt der Idee beschreibt Musil so: „Dr. Paul Arnheim war nicht nur ein reicher Mann, sondern er war auch ein bedeutender Geist. Sein Ruhm ging darüber hinaus, daß er der Erbe weltumspannender Geschäfte war, und er hatte in seinen Mußestunden Bücher geschrieben, die in vorgeschrittenen Kreisen als außerordentlich galten. … Arnheim verkündet in seinen Programmen und Büchern noch dazu nichts Geringeres als gerade die Vereinigung von Seele und Wirtschaft oder von Idee und Macht. … Arnheim wurde entzückt, als er in Diotima eine Frau antraf, die nicht nur seine Bücher gelesen hatte, sondern als eine von leichter Korpulenz bekleidete Antike auch seinem Schönheitsideal entsprach, … 'man müßte -' hatte sie gesagt, und Arnheim unterbrach sie: Das sei ganz wundervoll; 'neue Ideen oder, wenn es erlaubt sei zu sagen (hier seufzte er leicht), überhaupt erst Ideen in Machtsphären zu tragen!' Und Diotima war fortgefahren: Man wolle Komitees aus allen Kreisen der Bevölkerung bilden, um dieses Ideen zu ermitteln. … Bis hierher hatte sich Diotima des Gespräch wörtlich wiederholt, aber an diesem Punkt löste es sich in Glanz auf; … Ein unbestimmtes, spannendes Glücks- und Erwartungsgefühl hatte sie die ganze Zeit über immer höher gehoben; nun glich ihr Geist einem ausgekommenen, kleinen, bunten Kinderballon, der herrlich leuchtend hoch oben gegen die Sonnen schwebt. Und im nächsten Augenblick zerplatzte er. Da war der großen Parallelaktion eine Idee geboren, die ihr bis dahin gefehlt hatte.“

Die Geburt der Idee beschreibt Menasse so: „Das Big Jubilee Project. … Es war Mrs Atkinsons [Generaldirektorin der DG KOMM] Idee gewesen. Fenia Xenopoulou war die Erste, die darauf reagierte – und das Projekt rasch an sich zog. Das gehörte ins Kulturressort, fand Fenia, keine Frage. Das war die Chance, auf die sie gewartet hatte, um Visibilité zu zeigen. … Mich interessiert die Sache nicht, hätte Martin am liebsten gesagt. Er beschloss, ganz einfach allen recht zu geben, um sich nicht zu exponieren. In Anbetracht der Bedeutung dieser Angelegenheit, sagte er in Richtung Fenia, sei klar, dass – und nun in Richtung Bohumil: - die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen. … Es habe keine andere Idee gegeben als diese: anlassbedingt ein Jubiläum zu feiern. Aber der Anlass allein sei eben noch keine Idee. … So war Martin Susman in die Falle getappt. Nach einigem Hin und Her sagte Fenia Xenopoulou: Schluss jetzt, der Einzige, der sich offenbar Gedanken gemacht habe, sei Martin. Es sei absolut logisch, was er gesagt habe. Das Um und Auf sei eine zentrale Idee. Sie beauftragte Martin, die Idee zu entwickeln und ein entsprechendes Papier zu schreiben.“

Musils „Ulrich“ heißt bei Menasse „Martin“, er ist österreichischer Beamter in der Kulturabteilung, ausgestattet mit Intelligenz, aber, so wie Ulrich, mit unterentwickeltem Karrierebewusstsein. Er bringt „die Idee“ aufs Tapet und muss für die Realisierung auch gleich die Verantwortung übernehmen. „Die Kultur“, bislang ein Abstellgleis der Kommission, erhält so eine unerwartete Aufwertung: „Jeder Mitgliedstaat der EU hatte das Anrecht auf einen Kommissar-Posten, … Als nach den damaligen Europawahlen die Ressorts neu besetzt wurden, kam das Gerücht auf, dass … Österreich … 'die Kultur' bekommen sollte. … Die österreichische Koalitionsregierung zerstritt sich, … die österreichischen Zeitungen machten Stimmung und sie konnten sich auf die Entrüstungsbereitschaft ihrer Leser verlassen: 'Uns droht die Kultur!' Oder: 'Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!' Das scheint als Reaktion sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich dieses Land als 'Kulturnation' – nun, vielleicht nicht 'begriff', aber doch gerne bezeichnete.“

Man könnte „Die Hauptstadt“ mit dem Wiener Grand Hotel vergleichen, dessen Fassaden stehen geblieben sind um es innen auf den alten Fundamenten völlig neu zu errichten. Doch für einen brillanten Schriftsteller wie Menasse ist die Neu-Adaptierung des MoE keine ausreichende Herausforderung. Wenn ein Plot so stark ist, dass er als Remake für jede Generation neu erfunden werden kann, dann gilt: „A Star is born!“ Eine Wiedergeburt – die Auferstehung der Parallelaktion - ohne zureichenden Grund wäre gemäß dem Prinzip des unzureichenden Grundes zwar möglich, aber nicht wirklich spannend für einen Autor mit Möglichkeitssinn.

Um seine schriftstellerischen Möglichkeiten voll auszuspielen führt Menasse einen zweiten Plot parallel, den er Dan Browns „Illuminati“ entlehnt. Und dazwischen findet noch Franz Kafkas „Die Verwandlung“ Platz. Das Personal des MoE ebenso wie der „Hauptstadt“ ist wohlhabend, wenn auch gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten ihrer Epochen nicht wirklich reich, nicht „superreich“, wie man heute sagen würde. Doch immerhin ideenreich - gemessen am jeweiligen Zeitgeist, sofern dieser nicht idealistisch als Vorläufer seiner Zeit, sondern empirisch als Spiegel seiner Zeit verstanden wird.

Die dritte Parallele zeichnet Florian, der ältere Bruder von Martin, der schon früh den Schweinezuchtbetrieb seines Vaters übernehmen musste und zu einem Schlachthof ausgebaut hat. Als Obmann der EPP, European Pig Producers, die mit EPP, European People´s Party, im Clinch liegt, ist er international viel unterwegs. Am Weg nach Ungarn – als Opfer eines Auffahr-Unfalls auf der Autobahn - zieht sich Florian Susman schwere Verletzungen zu: „Und jetzt lag er da wie ein auf den Rücken gefallener Käfer. Jetzt war er verwandelt in einen hilflosen Käfer. Plötzlich. Einfach so. Und wartete darauf, versorgt zu werden.“ Martin fliegt umgehend von Brüssel nach Wien um seinem Bruder im Krankenhaus beizustehen und vernachlässigt die Vorbereitungen zum Big Jubilee. Das Projekt der Kommission wird indessen langsam aber sicher vom Rat viviseziert.

Während die Parallelführungen zu Musil und Kafka beweisen, dass, wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, es auch einen Möglichkeitssinn geben muss, beweist die Parallele zu Dan Brown, dass jedem Autor einmal die Phantasie durchgehen kann. Bei dieser Parallelaktion geht es um einen ungeklärten Mord. „Dass das Vertuschen des Mords im Hotel Atlas nicht bloß auf einen belgischen Staatsanwalt zurückging, sondern dass die Nato da irgendwie die Finger im Spiel hatte, war für [den Kommissar] Émile Brunfaut tatsächlich 'zu groß'.“ Die Brüssler Untersuchungsbehörden und die Nato als finstere Mächte, die eine Aufklärung verhindern wollen, sind dem Autor offenbar nicht genug, denn aus Sicht von Émile Brunfaut „wetteifern die Geheimdienste mit allen Mitteln um die Gunst des Vatikans, um Zusammenarbeit und Austausch mit der Kirche. Das war im Kalten Krieg so, und das ist mittlerweile nicht einmal mehr ein Gehemnis. Jetzt gibt es einen anderen Feind. Es ist nicht mehr der gottlose Kommunismus, der Feind heute heißt Islam.“

Dass alle Parallelen, die durch die Hauptstadt laufen, sich im Unendlichen treffen, lässt sich literaturwissenschaftlich nicht beweisen. Anders als Musils MoE bleibt „Die Hauptstadt“ nämlich nicht unvollendet und somit unendlich, sondern wird mit Seite 459 beendet. Leider aber nicht vollendet.

Robert Musil unterscheidet zwischen Schriftsteller und Dichter. Der Schriftsteller ist ein Meister seines Handwerks, dessen Leistungen sich im Markterfolg spiegeln. Der Dichter ist Denker, der imstande ist den für viele unfassbaren Zeitgeist in Worte zu fassen und zu einem Roman zu verdichten. Robert Menasse ist ein Dichter, und zweifellos einer der besten unserer Zeit. Meiner subjektiven Einschätzung nach: der Beste! Diese Einschätzung konnten, seit ich vor zwei Jahrzehnten seinen Erstlingsroman „Sinnliche Gewissheit“ gelesen habe, ein paar schwächere Titel wie „Schubumkehr“ und „Don Juan“ nicht erschüttern. Nach der Lektüre des Romans „Die Vertreibung aus der Hölle“ ist dieses Urteil für mich allerdings endgültig. Über „Die Vertreibung“ könnte ich keine Rezension schreiben, für diesen Roman gibt es nur einen Begriff: epochal.

Allein aufgrund dieser Lese-Erfahrungen ist die Erwartung an einen „wahren“ Menasse, der seinen Möglichkeitssinn literarisch vollkommen auslebt, entsprechend hoch. Und allein aufgrund dieser Erwartungshaltung wirkt „Die Hauptstadt“ wie das Auftragswerk eines Schriftstellers: gekonnt, ja sogar perfekt, besser als viele andere aktuelle Werke des Literaturbetriebs, aber doch nur Handwerk eines Schriftstellers mit Wirklichkeitssinn.

Robert Menasse

Die Hauptstadt

Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Video: Robert Menasse über die Vorgeschichte dieses Buches 

Eckoldt Matthias: Virus. Partikel Paranoia Pandemien

Matthias Eckoldt

Virus. Partikel, Paranoia, Pandemien“ heißt das aktuelle Buch des Wissenschafts-Journalisten Matthias Eckoldt. Der Titel ist dem Zeitgeist geschuldet, wonach auch Sachbücher mit reißerischen Schlagzeilen vermarktet werden müssen. In einer anderen Zeit hätte man wohl sachlich treffender angekündigt, was der eigentliche Inhalt des Buches ist: „Über die Virenforscher und ihre andauernden Kämpfe um die Deutungshoheit“. Oder ganz einfach: Über die Erforschung der Viren - vom Miasma über Abiogenese und Biogenese zum Konzept.

Foto: Matthias Eckoldt, CC BY-SA 3.0

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Heinzlmaier Bernhard: Generation Corona

Heinzlmaier Buch

Bernhard Heinzlmaier lehrt an der FH Joanneum in Graz und an der FH Burgenland in Eisenstadt im Studiengang Soziale Arbeit. Er ist seit über zwei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig und Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung, seit 2003 dessen ehrenamtlicher Vorsitzender. Außerdem leitet er das Marktforschungsunternehmen tfactory in Hamburg.

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Im Buch "Generation Corona" schildert Heinzelmaier die unterschiedliche Betroffenheit von privilegierten und nicht-privilegierten jungen Milieus in der Corona-Krise und der kommenden Post-Corona-Zeit. Es zeigt, dass die, die bisher wenig hatten, durch Corona nun noch weniger haben. Während die Kinder der Privilegierten weiter frei, unabhängig und ego-getrieben leben wollen und durchaus risikoaffin sind, streben die Mittel- und Unterklassen nach einer Gesellschaft, die Sicherheit, Ordnung und mehr Gleichheit garantiert. Wörtliche Zitate aus dem Buch:

„Was Corona uns allen drastisch vor Augen geführt hat, ist, dass die, die uns regieren und über uns bestimmen, in einer abgehobenen Zone des Komforts, der Überfülle und der Wohlhabenheit leben. Ihre privilegierte Lebenslage macht sie blind für die Sorgen, Nöte und Bedürfnisse der 'normalen' Menschen.“

„Schon heute wissen wir, dass sich die Folgen der Corona-Krise besonders negativ auf die Jugendlichen der Arbeiter- und Unterschichten auswirken werden. Die untere Hälfte der gesellschaftlichen Bildungs- und Statushierarchie wird nicht nur den überwiegenden Teil der Einkommensverluste und der explodierenden Arbeitslosigkeit zu tragen haben, auch der entstehende Bildungsnachteil wird zum großen Teil die Kinder der unterprivilegierten Schichten treffen und deren ohnehin schlechten Arbeitsmarktchancen weiter reduzieren.“

„Wenn wir einen resümierenden Blick auf den Verlauf der Corona-Epidemie werfen, so ist das wohl hervorstechendste Merkmal, dass politische und mediale Diskurse zur Pandemie und ihren Folgen bis heute primär auf die Problemlagen der privilegierten Schichten der Gesellschaft bezogen werden. Die unteren Sozialschichten fungieren, wie wenn sich die Gesellschaft im Normalitätsmodus befindet, als das „Fremde“ und das „Andere“, das man verschämt zur Seite schiebt und so behandelt, als würde es nicht existieren.“

„Mit großen Schritten bewegen sich die deutsche und die österreichische Gesellschaft auf eine gefährliche Repräsentationskrise des politischen Systems zu. Schon vor der Corona-Krise waren die Unterschichten medial weitgehend stummgeschaltet, in der Corona-Zeit hat sich deren Exklusion noch verstärkt. Die Botschaft, dass sich 'die da oben' nicht für ihr Leben interessieren, ist nun aber bei den Unterschichten angekommen. Es zeigt sich daran, dass unter ihnen das Vertrauen in Medien, Journalisten, Manager, Parteien und Politiker dramatisch niedrig geworden ist. Die Kinder des oberen Gesellschaftsdrittels sind mit Politik und Medien zufrieden wie niemals zuvor, der prekäre und abgehängte *Rest* räsoniert darüber, dass seine Meinung in den öffentlichen Debatten unterdrückt wird, und man nicht mehr sagen kann, was man sich denkt."

Bernhard Heinzlmaier

Generation Corona. Über das Erwachsenwerden in einer gespaltenen Gesellschaft

Hirnkost Verlag, Berlin 2021,

Ergänzung 29.12.2021: Kommentar des Autors auf exxpess.at: "Mückstein versucht Probleme durch das Werfen von gutmenschlichen Nebelkerzen zu verbergen. Das Horrorszenario einer Krisengesellschaft, in der sich die soziale Spaltung immer weiter vergrößert und die Politik, von elitären Jugendbewegungen getrieben, sich überwiegend mit den Identitätsproblemen von Mikrogruppen und der Verhinderung von hysterisch aufgeblasenen ökologischen und klimatischen Katastrophen beschäftigt, anstatt sich mit den handfesten sozialen und ökonomischen Problemen der normalen Bevölkerung auseinanderzusetzen, versucht nun der Linkspopulist Mückstein durch das Werfen von ein paar gutmenschlichen Nebelkerzen zu verbergen." Details siehe: Der Feldzug der Linkspopulisten gegen die normalen Menschen

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Ergänzung 28.10.2023: Der grüne Kurzzeit-Gesundheitsminister (April 21 bis März 22) Mückstein hat vielleicht die Fäden gezogen, als die Grünen in einer APA / OTS Aussendung am 11.8.23 aufregten: "Jugendforscher Heinzlmaier spielt mit rechtsextremen Codes bei Pressekonferenz mit Jugendstaatsekretärin Plakolm". Es folgte eine Sachverhaltsdarstellung und darüber hinaus eine parlamentarische Anfrage bezüglich laufender Aufträge aus dem Bundeskanzleramt an Bernhard Heinzlmaier. Nach mehr als zwei Monaten meldet ORF.at (28.10.23) und zeigt den Jugendforscher im inkriminierten T-Shirt mit Runen-Logo einer Rockband: "Der Auftritt von Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier in einem umstrittenen T-Shirt hat keine strafrechtlichen Folgen. Nach Prüfung mehrerer Anzeigen habe sich kein Anfangsverdacht wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz ergeben, erklärte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien, Romina Kaschnitz-Biegl", 

Ressler Otto Hans: Leherb

Leherb im Prater 2021

Das Leben von Helmut Leherb war eine surreale Hochschaubahn, sein Tod ein Selbstmord mit langem Anlauf. Die Erinnerungen von Lotte Profohs, aufgearbeitet von Otto Hans Ressler im Buch „Leherb. Tagträumer und Nachtwandlerin“, sind ein Lehrstück des Wiener Intrigantenstadls.

Foto: Wandbild von Leherb im Wiener Prater, weitere Werke des Künstlers finden Wien-Touristen im Donaupark.

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Ressler Otto Hans: Der Mikl

Der „Provokateur“, der „schwer Fassbare“, wie ihn Die Presse in ihrem Nachruf beschrieb, war eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen österreichischen Malerei. „Sich mit der Kunst einzulassen“, sagt er, „gibt’s nicht umsonst.“ „Mikl“ hat aus der Kunst die Kraft für ein ganzes Leben gezogen – und ist doch daran zugrunde gegangen.

„Der Mikl“ ist keine Biografie, sondern ein Künstlerroman, der sich freilich eng an den biografischen Daten Josef Mikls entlang entwickelt. Fiktion und Fakten sind darin nicht zu trennen. Der Künstler selbst erzählt von seiner Kindheit im nationalsozialistischen Wien und vom Widerstand, den er zu leisten versuchte. Er erzählt von seinem Studium an der „Graphischen“ und an der Akademie, von seiner Wut auf das Künstlerhaus, das für ihn ein einziger Hort ehemaliger Nazis war, und der bösen Rache, die er an deren Mitgliedern nahm. Er beschreibt seine Professoren Josef Dobrowsky und Herbert Boeckl, berichtet von seinen ewigen Streitigkeiten mit Alfred Hrdlicka, von seiner Verachtung für Sergius Pauser, Oswald Oberhuber und Gustinus Ambrosi, und immer wieder von seinem Hass auf Journalisten im Allgemeinen und Kunstkritiker im Besonderen.

„Der Mikl“ schildert seine Zeit im Art Club und die Eifersüchteleien und Konkurrenzkämpfe in der Gruppe St. Stephan. Er erklärt, warum er nur für so wenige Künstlerkollegen Sympathie und Respekt aufbringt und für so viele nichts übrig hat, weil er sie für Scharlatane hält. Er erzählt von Monsignore Otto Mauer, seinen ersten Aufträgen, den ersten Erfolgen. Er enthüllt die Abgründe seines Lebens, legt schonungslos die Probleme seiner drei Ehen offen, berichtet von seiner Zeit als Akademieprofessor und am Theater am Fleischmarkt, von seiner Feindschaft mit Klaus Kinski und seiner Freundschaft mit Helmut Qualtinger. Aber vor allem erzählt er, was Kunst für ihn bedeutet – etwas, was er Zeit seines Lebens meist abgelehnt hat. Er erklärt, wie er zu seinen „Röhren“ kam, die in den 1940er und 1950er Jahren, als es an der Akademie noch verboten war, abstrakt zu malen, das Publikum verstörten. Er äußert sich über die Missverständnisse über zeitgenössische Kunst, über den Unfug, den Kritiker darüber verbreiten, und über die zentrale Bedeutung des Handwerklichen.

„Ein Sprichwort besagt“, notiert er, „das Handwerk habe goldenen Boden. Aber wo das Handwerk verschwindet, verschwindet auch dieser Boden. Wir leben“, schreibt er, „auf einer vergifteten Talmi-Erde. Zusammen mit der Wegwerf-Industrie mit den dazugehörigen Wegwerf-Direktoren und ihren Wegwerf-Gehältern. Auch die Kunst verliert ihren Boden“, schreibt „Der Mikl“, „wenn das Handwerk in ihr verschwindet. Auch die Kunst ist vergiftet.“

Zuletzt nimmt „Der Mikl“ offen zu seiner Krebserkrankung und seinem bevorstehenden Tod Stellung; beides Themen, über die er im wirklichen Leben nie auch nur ein Wort verloren hat. Und immer wieder kehren seine Gedanken zurück zur Kunst, zur Malerei, zu den Auseinandersetzungen über Abstraktion und Gegenständlichkeit, über die weit verbreiteten Irrtümer, die darüber herrschen, über den „Zeitgeist“, für den er nur Verachtung übrig hat, und die Hoffnung, dass sich in einer fernen Zukunft die Fragen, die die Gegenwart nicht beantworten konnte, klären werden.

Josef Mikl wurde am 8. August 1929 in Wien geboren. Von 1948 bis 1955 studierte er Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1956 gründete er mit Arnulf Rainer, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky die Gruppe „Galerie St. Stephan“, die sich unter der Leitung von Monsignore Otto Mauer zum Brennpunkt der österreichischen Avantgarde entwickelte. 1964 wurde Josef Mikl zur documenta III in Kassel eingeladen, vertrat 1968 Österreich bei der Biennale in Venedig und wurde 1969 an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen, wo er 27 Jahre lang eine Meisterschule bzw. den Abendakt leitete. In den 1990ern realisierte er das 400 Quadratmeter große Deckengemälde und 22 Wandbilder für den Redoutensaal der Wiener Hofburg. Er starb am 29. März 2008.

Otto Hans Ressler wurde am 12.11.1948 in Knittelfeld geboren. Er war ab 1978 Direktor des Grazer Dorotheums, danach Direktor der Kunstabteilung des Wiener Dorotheums. 1993 – 2011 Geschäftsführender Gesellschafter der Auktionshaus im Kinsky GmbH. Seit 2014 Geschäftsführender Gesellschafter der RESSLER KUNST AUKTIONEN GMBH. Autor zahlreicher Bücher, u.a. Der Markt der Kunst (2001), Die Preise der Kunst (2003), Der Wert der Kunst (2007), alle im Böhlau Verlag. Weitere Künstler Romane, die der Autor als "Faction" einordnet, schrieb Ressler über Leherb und Soshana. Die IG-Galerien zeichnete den Auktionator und Autor im Jahr 2015 mit dem Award "Kunstmediator" aus.

Otto Hans Ressler

Der Mikl

Edition Va Bene Wien