Ressler Otto Hans: Leherb

Leherb im Prater 2021

Das Leben von Helmut Leherb war eine surreale Hochschaubahn, sein Tod ein Selbstmord mit langem Anlauf. Die Erinnerungen von Lotte Profohs, aufgearbeitet von Otto Hans Ressler im Buch „Leherb. Tagträumer und Nachtwandlerin“, sind ein Lehrstück des Wiener Intrigantenstadls.

Foto: Wandbild von Leherb im Wiener Prater, weitere Werke des Künstlers finden Wien-Touristen im Donaupark.

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Ressler Otto Hans: Der Mikl

Der „Provokateur“, der „schwer Fassbare“, wie ihn Die Presse in ihrem Nachruf beschrieb, war eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen österreichischen Malerei. „Sich mit der Kunst einzulassen“, sagt er, „gibt’s nicht umsonst.“ „Mikl“ hat aus der Kunst die Kraft für ein ganzes Leben gezogen – und ist doch daran zugrunde gegangen.

„Der Mikl“ ist keine Biografie, sondern ein Künstlerroman, der sich freilich eng an den biografischen Daten Josef Mikls entlang entwickelt. Fiktion und Fakten sind darin nicht zu trennen. Der Künstler selbst erzählt von seiner Kindheit im nationalsozialistischen Wien und vom Widerstand, den er zu leisten versuchte. Er erzählt von seinem Studium an der „Graphischen“ und an der Akademie, von seiner Wut auf das Künstlerhaus, das für ihn ein einziger Hort ehemaliger Nazis war, und der bösen Rache, die er an deren Mitgliedern nahm. Er beschreibt seine Professoren Josef Dobrowsky und Herbert Boeckl, berichtet von seinen ewigen Streitigkeiten mit Alfred Hrdlicka, von seiner Verachtung für Sergius Pauser, Oswald Oberhuber und Gustinus Ambrosi, und immer wieder von seinem Hass auf Journalisten im Allgemeinen und Kunstkritiker im Besonderen.

„Der Mikl“ schildert seine Zeit im Art Club und die Eifersüchteleien und Konkurrenzkämpfe in der Gruppe St. Stephan. Er erklärt, warum er nur für so wenige Künstlerkollegen Sympathie und Respekt aufbringt und für so viele nichts übrig hat, weil er sie für Scharlatane hält. Er erzählt von Monsignore Otto Mauer, seinen ersten Aufträgen, den ersten Erfolgen. Er enthüllt die Abgründe seines Lebens, legt schonungslos die Probleme seiner drei Ehen offen, berichtet von seiner Zeit als Akademieprofessor und am Theater am Fleischmarkt, von seiner Feindschaft mit Klaus Kinski und seiner Freundschaft mit Helmut Qualtinger. Aber vor allem erzählt er, was Kunst für ihn bedeutet – etwas, was er Zeit seines Lebens meist abgelehnt hat. Er erklärt, wie er zu seinen „Röhren“ kam, die in den 1940er und 1950er Jahren, als es an der Akademie noch verboten war, abstrakt zu malen, das Publikum verstörten. Er äußert sich über die Missverständnisse über zeitgenössische Kunst, über den Unfug, den Kritiker darüber verbreiten, und über die zentrale Bedeutung des Handwerklichen.

„Ein Sprichwort besagt“, notiert er, „das Handwerk habe goldenen Boden. Aber wo das Handwerk verschwindet, verschwindet auch dieser Boden. Wir leben“, schreibt er, „auf einer vergifteten Talmi-Erde. Zusammen mit der Wegwerf-Industrie mit den dazugehörigen Wegwerf-Direktoren und ihren Wegwerf-Gehältern. Auch die Kunst verliert ihren Boden“, schreibt „Der Mikl“, „wenn das Handwerk in ihr verschwindet. Auch die Kunst ist vergiftet.“

Zuletzt nimmt „Der Mikl“ offen zu seiner Krebserkrankung und seinem bevorstehenden Tod Stellung; beides Themen, über die er im wirklichen Leben nie auch nur ein Wort verloren hat. Und immer wieder kehren seine Gedanken zurück zur Kunst, zur Malerei, zu den Auseinandersetzungen über Abstraktion und Gegenständlichkeit, über die weit verbreiteten Irrtümer, die darüber herrschen, über den „Zeitgeist“, für den er nur Verachtung übrig hat, und die Hoffnung, dass sich in einer fernen Zukunft die Fragen, die die Gegenwart nicht beantworten konnte, klären werden.

Josef Mikl wurde am 8. August 1929 in Wien geboren. Von 1948 bis 1955 studierte er Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1956 gründete er mit Arnulf Rainer, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky die Gruppe „Galerie St. Stephan“, die sich unter der Leitung von Monsignore Otto Mauer zum Brennpunkt der österreichischen Avantgarde entwickelte. 1964 wurde Josef Mikl zur documenta III in Kassel eingeladen, vertrat 1968 Österreich bei der Biennale in Venedig und wurde 1969 an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen, wo er 27 Jahre lang eine Meisterschule bzw. den Abendakt leitete. In den 1990ern realisierte er das 400 Quadratmeter große Deckengemälde und 22 Wandbilder für den Redoutensaal der Wiener Hofburg. Er starb am 29. März 2008.

Otto Hans Ressler wurde am 12.11.1948 in Knittelfeld geboren. Er war ab 1978 Direktor des Grazer Dorotheums, danach Direktor der Kunstabteilung des Wiener Dorotheums. 1993 – 2011 Geschäftsführender Gesellschafter der Auktionshaus im Kinsky GmbH. Seit 2014 Geschäftsführender Gesellschafter der RESSLER KUNST AUKTIONEN GMBH. Autor zahlreicher Bücher, u.a. Der Markt der Kunst (2001), Die Preise der Kunst (2003), Der Wert der Kunst (2007), alle im Böhlau Verlag. Weitere Künstler Romane, die der Autor als "Faction" einordnet, schrieb Ressler über Leherb und Soshana. Die IG-Galerien zeichnete den Auktionator und Autor im Jahr 2015 mit dem Award "Kunstmediator" aus.

Otto Hans Ressler

Der Mikl

Edition Va Bene Wien

Musil Robert: Der Mann ohne Eigenschaften

Warum ist "Der Mann ohne Eigenschaften" (MoE) ein Roman und doch kein Roman? Ein Roman im konventionellen Sinn erzählt Geschichten. Die Geschichte hat immer einen bestimmten nachvollziehbaren und nacherzählbaren Ablauf, egal ob es sich dabei um Erlebnisse und Tätigkeiten handelt, oder um Naturschilderungen. So gesehen könnte man die Geschichte des MoE in Kürze zusammenfassen:

Der erste Teil des Romans, "eine Art Einleitung", dient der Beschreibung von Zeit ("Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913", MoE 9) und Ort der Handlung (d.i. "Kakanien", MoE 31), woraus aber "bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" (MoE 9). Außerdem wird schon hier Ulrich, die Hauptfigur des Romans, charakterisiert als MoE. Ulrich beschließt, "sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen" (MoE 47). Die briefliche Ermahnung seines Vaters, der sich um Ulrichs Zukunft Sorgen macht, leitet über zum zweiten Teil, in welchem "seinesgleichen geschieht" (MoE 81).

Die Handlung des zweiten Teils kreist um den "Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungs-Jubiläum seiner Majestät" (MoE 296), in der Folge kurz Parallelaktion genannt, weil dieses Jubiläum des "Friedenskaisers" im gleichen Jahr stattfmden soll, wie das bloß Dreißigjährige Jubiläum Kaiser Wilhelm II. Ulrich wird durch die Protektion seines Vaters (um es vornehm zu sagen) von Graf Leinsdorf zum Ehrensekretär dieser Aktion ernannt.

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Ransmayr Christoph: Der Lauf der Zeit

James Cox (1723-1800), der wohl berühmteste Uhrmacher des 18. Jahrhunderts, hat ein Produktions- und Handelsimperium mit bis zu 1.000 Mitarbeitern aufgebaut und neben Uhren auch Automaten produziert und an alle Herrscher der damaligen Welt verkauft. Auch an den Kaiser von China, Qianlong (1711-1799). Dies inspirierte Christoph Ransmayr zu seinem Roman „Cox oder: Der Lauf der Zeit“, erschienen 2016.

Im Roman reist Alister Cox gemeinsam mit Jacob Merlin (historisch: Joseph Merlin) auf Einladung von Qianlong, dem „Herrn über zehntausend Jahre“, nach China um im Auftrag des Kaisers noch nie da gewesene Uhren zu erfinden. Zunächst baut Cox mit seinen drei Gehilfen das Silberschiff (historisch: der Silberschwan). „Der Allmächtige hatte ihm die Wahl gelassen. Daß der Kaiser eine Wahl nicht selber traf, sondern einem anderen überließ, noch dazu einem ausländischen Gast bei Hof, sagte Kiang, einem Gast, der eines Tages wieder verschwinden und sich damit jeder Verantwortung entziehen konnte, sei etwas, von dem weder er noch irgendeiner, der je einen Fuß in die Verbotene Stadt hatte setzen dürfen, gehört habe. … Cox würde also als erstes Beispiel für den vielfältigen Lauf der Zeit seinem Auftraggeber eine Uhr bauen, die das wellenförmige Gleiten, das an und abschwellende Rauschen, die Sprünge, Stürze, Gleitflüge und selbst den Stillstand der Lebenszeit eines Kindes spürbar machen und messen konnte.“

Im Gegensatz dazu stand der zweite Auftrag: „Eine Uhr für Todgeweihte, für Sterbende, sagte Kiang, solle Cox nun entwerfen und bauen, einen Zeitmesser für zum Tode Verurteilte und alle, die das Datum ihres Todes kannten, das Ende ihres Lebens unabweisbar kommen sahen und sich nicht mehr mit der Hoffnung auf eine Art dehnbarer, vorläufiger Unsterblichkeit besänftigen durften, mit der doch die meisten Lebenden sich über die Endlichkeit ihrer Existenz täuschten.“

Während dieser Auftrag noch nicht vollendet war, kam der dritte, letzte, die Zeit selbst zum Stillstand bringende Wunsch des Kaisers: „Der Kaiser befahl nicht. Er wünschte. Es war ja Sommer. Und im Sommer sollte kein Teil des Lebens dem Leben in der Verbotenen Stadt und dem Rest des kühleren, schattigeren Jahres gleichen. Es gab keine Befehle in Jehol.“ (S. 208). „Was Qianlong nun als seinen Wunsch, nein: als seinen unabweisbar gewordenen Traum vortrug, war so maßlos und gleichzeitig so vertraut, als hätte er in den vergangenen Jahren gemeinsam, ja!, gemeinsam mit Alister Cox und dessen Gefährten geträumt, gemeinsam mit ihnen das Unmögliche gedacht, um es irgendwann über die Grenzen aller Vernunft und Logik hinaus Wirklichkeit werden zu lassen: ein Uhrwerk, das die Sekunden, die Augenblicke, die Jahrhunderttausende und weiter, die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen und deren nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren.“

Wie Cox dieses Perpetuum Mobile realisiert, damit aber die Allmacht des Herrn über zehntausend Jahre in Frage stellt und gleichzeitig sein eigenes Leben riskiert, diese Geschichte erzählt Christoph Ransmayr in einer fein geschliffenen Sprache, die nicht aus unserer schnell- und kurzlebigen Zeit ist, aber umso mehr in die Epoche dieser zeitlosen Geschichte passt, die vom ewigen Traum erzählt, die Grenzen unserer Welt zu überschreiten, wobei die Grenzgänger aber mit jenen paktieren müssen, die der Welt ihre Grenzen gesetzt haben.

Christoph Ransmayr

Cox oder: Der Lauf der Zeit

Verlag S. Fischer, 2016

Leys Tatyana: Das kleine Buch zum neuen Denken

Transhumanismus

„Ein neues Denken wird die Grundvoraussetzung für alles Zukünftige sein.“ Ein schwerwiegender Satz mit unglaublicher Leichtigkeit formuliert. Das schafft die Autorin Tatyana Leys immer wieder in ihrem „Kleinen Buch zum neuen Denken“. Wenn die Autorin ihre Gedanken, Überlegungen und Analysen entwickelt, dann „in typisch weiblicher Art höchst willkürlich“ - und wie ein "gelernter Philosoph" neidlos anerkennen muss: unbeschwert, tiefschürfend und treffsicher!

„Panik macht sich in mir breit, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Gründe der Krise nicht benennen lassen, da alles mit allem zusammenhängt und unser neoliberales System der Ursprung der Krise und die Krise selbst ist.“

„Das Web hat sich zu einem Überwesen entwickelt. Es kann als eigenes Sinnesorgan verstanden werden, als neues, gemeinsames Sinnesorgan aller Menschen. Mit dem globalen Sinnesorgan Web hat sich ein globales Bewusstsein herausgebildet, das weltweit Gefühle erzeugt. Dieses neue Sinnesorgan beeinflusst unsere Wirklichkeit und Wahrnehmung.“

„Wir leben im Zeitalter der digital vermittelten, gefühlten Wirklichkeit. Postfaktisch gesehen kommt uns das sehr entgegen. Während wir bisher damit beschäftigt waren, die Wahrheit heraus zu finden, können wir uns sozialmedial auf unser Gefühl verlassen. Das erleichtert unsere Arbeit und reduziert den Stressfaktor enorm. Unser rationales Denken rückt in den Hintergrund und unsere Gesellschaft kann sich neu formieren. Damit sind wir zu einer Gesellschaft emotionaler und getriebener Wesen mutiert.“

Diese Zitate sind elementar, denn das „kleine Buch zum neuen Denken“ ist auch ein Handbuch des Transhumanismus. „Der Transhumane ist ein Mensch, der über den Menschen hinausgewachsen, sprich mit besseren Fähigkeiten ausgestattet, die Welt und sich neu definiert. Es geht um die Optimierung und Verbesserung des ganze Menschen. Diese Optimierung betrifft alle Bereiche, sowohl auf geistiger, körperlicher und emotionaler Ebene.“ Mit diesem Handbuch des Transhumanismus liefert die Autorin nicht nur Denkanstöße, sondern auch den derzeit besten Überblick über die Thematik.

Tatyana von Leys bringt kurz und prägnant die wichtigsten Argumente, Pro und Contra, von Ray Kurzweil bis Jürgen Habermas und thematisiert auch künftige ethische Probleme, denn die „Schnittstelle zwischen Mensch, Bewusstsein und Technologie wird zu einer der wichtigsten politischen Fragen werden … Die Technik ist zur politischen Kraft geworden.“

Resümee: Auch wenn die Autorin große Hoffnungen in die Technik setzt und Chancen sieht, dass die Welt der Transhumanen eine bessere Welt sein wird als die Welt des Homo faber und des Homo sapiens, ist Skepsis angebracht, dass die biotechnologische Revolution in 20 Jahren das schaffen könnte, was die Evolution der Menschheit in den vergangenen 200.000 Jahren, das Christentum in den vergangenen 2000 Jahren, die Aufklärung in den vergangenen 200 Jahren nicht geschafft haben: einen Menschen, der das Prädikat menschlich verdient.

SIEHE AUCH: Artikel über das Buch und Bilder der Künstlerin auf pressetext.com (14.11.2018)

Tatyana Leys

Das kleine Buch zum neuen Denken

Technik und Macht = Evolution neu gedacht

ISBN: 978-3746054513 BoD, 2018

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Strolz Matthias: Warum wir Politikern nicht trauen

„Ich liebe Politik.“ Mit diesem Satz endet das Buch „Warum wir Politikern nicht trauen und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert“, das Matthias Strolz 2011 publiziert hat. Zwei Jahre später ist er als NEOS-Chef in den Nationalrat eingezogen. Die Politik war sein Lebensabschnittspartner, dem er 2018 wieder den Rücken gekehrt hat. Seine Familie war ihm wichtiger.

Im ersten Teil des Buches geht der Autor der Frage nach, welche Dynamiken die Glaubwürdigkeit zersetzen. Und im zweiten Teil verspricht er den „Aufbruch in eine neue Glaubwürdigkeit“. Seinen Aufbruch, denn das Buch kann durchaus als Programmschrift für seine kommende Tätigkeit als Politiker sein. Als Berater von Politikern war er vorher unter anderem sechs Jahre lang ein Potenzialträger-Programm für den ÖVP Wirtschaftsbund geleitet. Dabei hat er erlebt, dass die auf „Highlife-Dynamik“ getrimmten Teilnehmer über die Schattenseiten des Politikerdaseins wenig wissen (wollen).

Gegen Politiker-Bashing wendet sich der Berater, auch gegen das Vorurteil, die „Ochsentour“ einer Politikerkarriere sei anrüchig, denn oft müsse man viele Jahre ehrenamtlich tätig sein, bis sich die Türen zu einem bezahlten Politikerjob öffnen. Strolz geht noch einen Schritt weiter: „nichts unterscheidet die ‚Ochsentour‘ eines politikers qualitativ vom Karriereklettern eines Managers auf den verschiedenen Sprossen der firmeninternen Hierarchie.“ Dafür braucht man Frustrationstoleranz – der Berater findet dafür einen eleganteren Begriff: „Resilienz“. Dabei geht es um die Frage, wie man seine Widerstands- und Krisenfestigkeit steigert.

Zwei weitere Faktoren für die ideale Politiker-Persönlichkeit sind: „Identität: Wie handle ich im Einklang mit meinem eigenen Wesen und meinen Werten? Passion: Wie entwickle und halte ich meine Leidenschaft?“ Darüber hinaus brauchen Manager ebenso wie Politiker drei Führungsqualifikationen, und zwar „Systembewusstsein: Wie erkenne, nutze und gestalte ich Beziehungen und Kommunikation innerhalb und außerhalb unserer Organisation? Resonanzfähigkeit: Wie gelingt es mir, frühzeitig leise Signale zu hören? Ambiguitätstoleranz: Wie verhält sich unsere Organisation in widersprüchlichen, unsicheren und ergebnisoffenen Situationen?“

Strolz hat immer Politik mit Emotionen betrieben, die Begründung dafür findet sich in seinem Buch: „die Rationalisierung als prioritärer Weg der Daseinsbewältigung hat sich als Utopie erwiesen. ‚Alles, was im Gehirn keine Emotionen auslöst, ist für das Gehirn wert-, sinn- und bedeutungslos‘“, zitiert er den Politikberater Hans-Georg Häusel. Emotionen sollten die Politiker daher nicht den Populisten überlassen. Als Vorbild zitiert Strolz die Autorin Marie von Ebner-Eschenbach: „Wahre Liebe fordert nicht, wahre Liebe gibt. Sie ist eine Entgegenkommen, ein Geben, aber auch ein Annehmen. Wahre Liebe ergreift nicht Besitz, sondern gibt Freiheit.“ (S. 94)

Doch am Ende geht es in der Politik nicht um Emotionen, sondern um Macht. Wer nicht bereit oder gewillt ist, den Führungsanspruch zu stellen, sollte zuhause bleiben. Doch wer sich als junger Abgeordneter zu schnell profilieren will, fährt leicht an die Wand (wie auch Ex-ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner in seinen Erinnerungen nachdrücklich schildert).

Strolz meint dazu: „Der Klubzwang paralysiert das freie Mandat und offizielle Sprachregelungen überwuchern die persönlichen Überlegungen. Auch die spezifischen Rekrutierungsmechanismen der Parteien […] legen nahe, dass es die reife Persönlichkeit in der Politik nicht leicht hat.“

Die Parteien sind jedoch für eine Demokratie unersetzlich, meint Strolz. „Die Legitimation oder Notwendigkeit von Parteien in Frage zustellen […] halte ich für hochgradig naiv.“ Die Funktion der Parteien beschreibt er idealtypisch, vielleicht ein bisschen zu idealistisch: „Politische Organisationen, allen voran Parteien, sind soziale Integrationsveranstaltungen. Sie haben in unserem System einen ‚Bündelungsauftrag‘. Ihre Aufgabe in einer Demokratie ist es, Ideen, Überzeugungen und Werthaltungen zu formen und zu synchronisieren, auf dass politische Entscheidungen im Diskurs miteinander möglich werden.“

Parteiinterne Spannungsverhältnisse zwischen Visionen und Ausrichtung an Meinungsumfragen sind vorprogrammiert. „Tatsächlich öffnet das freie Mandat des individuellen Abgeordneten eine spannungsvolle Beziehung zur Vision der Gesamtpartei. Wie lassen sich die persönlichen Vorstellungen der einzelnen Abgeordneten und deren Verhalten mit der Linie der Gesamtpartei synchronisieren? Jeder, der einmal so eine Orchestrierungsaufgabe wahrzunehmen hatte […] wird anschließend Sympathie und Verständnis für das mitunter garstige Instrument des Klubzwangs haben.“

Die Relativierung des freien Mandats durch den Gründer einer liberalen Partei ist enttäuschend. Der Artikel 56 des Bundes-Verfassungsgesetzes (Absatz 1) ist eindeutug: „Die Mitglieder des Nationalrates und die Mitglieder des Bundesrates sind bei der Ausübung dieses Berufes an keinen Auftrag gebunden.“

Es war bislang nicht bekannt, bis zu welchem Grad die NEOS den Klubzwang im Nationalrat ausüben oder ausgeübt haben. Auf Anfrage antwortete Matthias Strolz (Mail vom 8.6.2020): „Die NEOS haben in ihrem Grundsatzprogramm das verfassungsrechtlich garantierte 'freie Mandat' nochmals als gemeinsames Bekenntnis hervorgehoben. Jeder Abgeordnete soll sich - gerade auch in seinen Interaktionen mit der Parteiführung und der Fraktionsführung im Parlament - nicht nur auf die Verfassung sondern auch auf die formulierten Grundüberzeugungen der Bewegung und Partei berufen können. Das freie Mandat wird daher von NEOS jederzeit hochgehalten. Natürlich ist es die Aufgabe eines/r Fraktionsführers/in einer Partei in einem Parlament, nach Möglichkeit gemeinsame Handlungs- und Entscheidungslinien zu orchestrieren. Das soll nie unter Zwang passieren, aber bedarf einem sehr hohen Aufwand an ‚Integrationsarbeit‘. Ohne gemeinsame Linien verliert eine Partei ihr Profil und ihre Wiedererkennbarkeit für Wähler/innen. Sie könnte ihre Aufgabe als ‚soziale Integrationsveranstaltung" und ihre "Kanalisierungsfunktion für politische Anliegen‘ nicht mehr wahrnehmen und würde mit hoher Sicherheit auch nicht mehr gewählt werden (‚Wofür denn genau?‘, würde sich ein/e Wähler/in fragen.). So haben wir es unter meiner Führung dann auch im Parlamentsalltag gelebt: Wir hatten einen hohen Grad an Gemeinsamkeit, aber im Vergleich zu den anderen Parlamentsparteien in Österreich auch das höchste Level an ‚Abweichungen von der Klublinie‘, wie es im Parlamentsjargon heißt. In absoluten Zahlen war das sehr überschaubar, aber intern gingen solchen Ereignissen freilich immer sehr intensive Debatten voraus. Ich denke, wir haben hier einen guten Weg gefunden, nachhaltige und sachorientierte Parlamentsarbeit ohne Klubzwang zu organisieren und für die Wähler/innen doch in hohem Grad *wiedererkennbar‘ zu sein.“

Matthias Strolz

Warum wir Politikern nicht trauen … und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert

K & S ISBN 978-3-218-00821-1, 2011

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Kreutner Bernhard: Gefangener 2959

Denkmal opfern des faschismus

Die Internationale Gedenk- und Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen am 16. Mai 2021 widmete sich der Vielfalt der Opfergruppen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben, interniert und ermordet wurden. Dazu zählt der Priester Heinrich Maier, der kurz vor Ende des Krieges im Wiener Landesgericht hingerichtet wurde. Der Autor Bernhard Kreutner hat die Geschichte von Maiers kurzem Leben erforscht.

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Saenger Hans: Fluwatch

Von 16. März bis 25. Mai 2020 hat Hans Saenger ein "Seuchentagebuch" geschrieben. Die laufenden Meldungen zum Lockdown, die wir über die Hofberichterstattung des ORF und der Tageszeitungen ungefiltert und unkritisch aber frei Haus geliefert bekamen, bleiben in den Betrachtungen von Saenger Gott sei Dank ausgespart. Der Autor lässt uns an seinen Reflexionen teilhaben, die er in einem unaufgeregten, fein geschliffenen Stil vorträgt. Seine erfrischenden Ausführungen - basierend auf klassischer Bildung - geben Hoffnung, dass die Gleichschaltung der Menschheit durch Corona niemals flächendeckend möglich ist.

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Voltaire: Über die Toleranz

Spätestens seit dem Scheitern der „Willkommenskultur“ ist es nicht mehr populär, wenn man über Toleranz spricht, geschweige denn, sie verteidigt. Trotzdem, oder gerade deshalb ist es angebracht einmal nachzuschlagen, was „einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung“ (Quelle: wikipedia) dazu zu sagen hat: Voltaire.

Um die Notwendigkeit der Toleranz zu begründen folgt der Philosoph historischen Spuren der Intoleranz. Dabei geht er zurück bis ins Alte Testament und stellt die Frage: „War die Intoleranz dem göttlichen Rechte im Judentum gemäß, und ist sie stets in Ausübung gebracht worden?“ In seiner Beantwortung verweist Voltaire auf zahlreiche Bestialitäten der Juden, die in den Büchern Mose akribisch aufgezeichnet wurden. Angesichts der teilweise schonungslosen Abrechnung des Christen mit dem Judentum klingt Votaires Resümee fast wie die Absolution eines Priesters: „Wenn man das Judentum in der Nähe betrachtet, so erstaunt man über die größte Toleranz unter so vielen Greueln. Freilich ein Widerspruch; aber die meisten Völker sind von Widersprüchen regiert worden. Glücklich der Widerspruch, der sanfte Sitten erzeugt, wo man blutige Gesetze hat.“

Voltaires Auslegung der schlimmsten im Alten Testament geschilderten Greueltaten als Allegorien klingt plausibel, wenn man den Hinweisen glauben kann, dass die Fünf Bücher Mose (der Pentateuch) erst viele Jahrhunderte nach Mose niedergeschrieben wurden. So könnten diese Geschichten nicht als Aufzeichnung historischer Fakten, sondern zur Abschreckung von Abrahams Nachkommen und seiner Feinde gedient haben.

Einen fundamentalen Widerspruch kann der aufgeklärte Philosoph und gläubige Christ, der 1694 in Paris geboren, viele Jahre im Dienste verschiedener Herrscher Europas gestanden und 1778 verstorben ist, jedoch nicht auflösen: das Gebot der Anbetung des einen, allmächtigen Gottes und das Verbot der Anbetung anderer Götter (Götzendienst) ist seinem Wesen nach intolerant. Mehr noch: der Begriff „Toleranz“ kommt in der Bibel an keiner einzigen Stelle vor, auch wenn viele Stellen der Evangelien von aufgeklärten Christen und sogar von Theologen heute gerne als Aufforderung zu tolerantem Verhalten interpretiert werden.

Doch zurück zum Kern von Voltairs Schrift, die er als „Bittschrift, welche die Humanität ganz untertänig der Macht und der Einsicht vorlegt“ bezeichnet, zu seinem Essay „Über die Toleranz; veranlaßt durch die Hinrichtung des Johann Calas im Jahre 1762“. Einleitend erinnert der Autor daran, dass auch mehr als ein Jahrhundert nach dem Westfälischen Frieden immer noch Glaubenskonflikte zu letalem Ausgang für diejenigen führen können, die dem „falschen“ Glauben anhängen. Hier die Geschichte kurz gefasst:

„Johann Calas, ein Mann von achtundsechzig Jahren, lebte seit länger als vierzig Jahren zu Toulouse als Handelsmann, und alle, die ihn kannten, hielten ihn für einen guten Vater. Er war Protestant und seine Frau und Kinder gleichfalls, außer ein Sohn, der die Ketzerei abgeschworen hatte und dem der Vater ein kleines Jahresgeld auszahlte. … Aus Verdruß beschloss er [der Sohn], seinem Leben ein Ende zu machen, und ließ sich dies auch merken gegen einen seiner Freunde. … Endlich, als er einmal sein Geld im Spiel verloren hatte, wählte er gerade diesen Tag zur Ausführung seines Vorhabens. … Irgendein fanatischer Kopf aus dem Pöbel rief, Johann Calas hätte seinen eigenen Sohn Mark-Anton erhängt. Im Augenblick wiederholte dies ein einstimmiges Geschrei. … Der Capitoul oder Bürgermeister David, den dieser Lärm in Bewegung brachte, wollte sich durch eine schnelle Exekution in Kredit setzen und verfuhr gegen Regel und Gesetz. Er ließ die Familie Calas, die katholische Magd und den [Freund des Selbstmörders] Lavaisse in Fesseln legen. … Dreizehn Richter versammelten sich täglich, um den Prozeß zu beendigen. Man hatte keinen Beweis gegen die Familie. Man konnte keinen haben. Aber die betrogne Religion diente an Beweises statt.“

Dass Voltaire den Protestantismus unverhohlen als „Ketzerei“ bezeichnet, zeigt, wie stark auch unabhängige Denker in ihrer Zeit und in ihrem Milieu verhaftet sind. Abgesehen davon zeigt er akribisch auf, dass die Glaubensfanatiker sich in zahlreiche Widersprüche verwickeln und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich sind. Dazu gehört auch, dass uns Voltaire erzählt, dass der seelisch geschundene Vater schließlich unter Beifall des Mobs gerädert wurde und dabei Gott um Vergebung für seine Peiniger gebeten hat. Aber keine Kritik, nicht einmal ein Nebensatz über die Abscheulichkeit dieser mittelalterlichen Foltermethode!

Auch die treibenden Kräfte der Französischen Revolution haben sich oft und gern auf Voltaire berufen, und in seinem Geiste die Todesstrafe „humanisiert“. Denn die Todesstrafe überhaupt in Frage zu stellen, war offenbar für die ersten aufgeklärten Menschen Europas undenkbar. Man war lediglich bereit, die stückweise, langwierige Zertrümmerung der Gliedmaßen des Verurteilten zu ersetzen durch eine fortschrittliche Maschine: die Guiolltine – die „humane Hinrichtung“ war damit schmerzfrei - Kopf ab ganz ohne Qualen. 30 Jahre nach Calas' Hinrichtung wurde von der Pariser Nationalversammlung die Guillotine als einziges Instrument zur Hinrichtung eingeführt.

Wie Chronisten akribisch zusammengezählt haben, wurden vom Revolutionstribunal 1579 Todesstrafen verhängt. Hingerichtet wurde – so wie zu besten Zeiten der Glaubenskriege – nicht aufgrund nachweislicher Straftaten, sondern aufgrund der „falschen“ Glaubensinhalte, oder auch der falschen Anstandsregeln, die sich vom jeweiligen Stande ableiteten. Und später auch die „Verräter“ der „reinen Glaubenslehre der Revolution“. Die brühmtesten Opfer waren Marie Antoinette, Georges Danton und der Revolutionsführer Robesbierre selbst.

Dieser fortschrittliche Humanismus hat in Frankreich 200 Jahre überlebt, erst 1981 hat Präsident Francois Mitterand die Todesstrafe abgeschafft, seit 2007 ist sie verfassungsmäßig verboten. Doch zurück zu Calas. Das Oberste Gericht in Paris („die Einsicht“) hat mehrere Jahre später das Urteil aufgehoben und die Familie inklusive der mitangeklagten katholischen Hausgehilfin vollständig rehabilitiert. Der König selbst („die Macht“) hat den Hinterbliebenen 36.000 Livres ausbezahlt. So konnte die „Bittschrift“ eines Philosophen („die Humanität“) zu Beginn der Aufklärung noch etwas bewirken, während philosophische Schriften im Zeitalter der „Messagecontrol“ durch die Parteien nicht die geringste Chance haben bis zu jenen Mächtigen durchzudringen, die zu wichtigen politischen Einsichten im Geiste der Humanität gelangen sollten.

Der Suhrkamp-Verlag hat diese Schrift nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ (Paris im Jänner 2015) publiziert und bewirbt sie bis heute mit dem knalligen Slogen „Der Bestseller aus Frankreich“. Und etwas subtiler: „Voltaires 1763 erschienenes Plädoyer für Toleranz zwischen den Religionen war nie so aktuell wie heute.“ Löst das Buch dieses Versprechen ein? Nach wie vor gültig sind aus heutiger Sicht zumindest zwei bedenkenswerte Stellen. Im Vorspann zu seiner „Bittschrift“ definiert Voltaire Toleranz und Intoleranz (= Fanatismus):

„Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt. Wir sind alle gemacht aus Schwächen und Fehlern; darum sei es Naturgesetz, daß wir uns wechselseitig unsere Dummheiten verzeihen.

„Der Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie der Wahn zum Fieber oder die Raserei zum Zorn. … Alle Fanatiker sind Schurken mit gutem Gewissen und morden in gutem Glauben an eine gute Sache. … Wir wollen uns darauf beschränken, Gott morgens und abends zu bitten, uns von den Fanatikern zu erlösen.“

Man muss an der Stelle daran erinnern, dass nicht der Glaube an sich (das ist nach Immanuel Kant der Bereich, der sich dort öffnet, wo die Vernunft an die Grenzen der Erkenntnis stößt), sondern die „Glaubenswahrheit“, das ist der dogmatische Anspruch auf universelle Gültigkeit eines Glaubensinhaltes (z.B. die Überzeugung es gebe nur ein richtiges Gottesdienstritual) zur Intoleranz führt, nein genauer gesagt: die Intoleranz bereits im Kern der Aussage impliziert! Im Übrigen sollte klar sein: es gibt keine Toleranz für die Intoleranz. Das ist kein Paradoxon, sondern die Logik der Toleranz.

Voltaire

Über die Toleranz

Suhrkamp Berlin, 2015

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Rousseau Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag

Jean Jacques Rousseau Pastell

„Vom Gesellschaftsvertrag oder Die Grundlagen des politischen Rechts“ erschien erstmals 1762 in Amsterdam und wurde umgehend in weiten Teilen Europas verboten. Logischer Weise in Frankreich, wo ein absoluter Herrscher kein Interesse an demokratischen Ideen haben konnte, aber auch in Genf, wo Rousseau 1712 geboren ist, und wo die Themen Volkssouveränität und Verfassung seit Beginn des 18. Jahrhunderts zu intensiven politischen Auseinandersetzungen geführt haben.

Foto gemeinfrei: Jean-Jacques Rousseau, Pastell von Maurice Quentin de La Tour, 1753

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