Gates Bill: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern

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Wenn ein Manager innovative Entwicklungen umsetzen will, dann beginnt er mit Analysen und Machbarkeits-Studien bevor er einen entsprechenden Plan zur Umsetzung entwickelt. Wenn einer der reichsten Unternehmer dieser Welt eine Mission verfolgt, geht er genau so vor. „Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind“, das erläutert Bill Gates in seinem neuen Buch „Wie wir die Klima Katastrophe verhindern“.

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Menasse Robert: Die Hauptstadt

Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.“

Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe.“

Letztlich ist der Tod auch nur der Beginn von Folgeerscheinungen.“

Nicht nur mit diesen philosophischen Aphorismen beweist Robert Menasse, dass er in die Fußstapfen von Robert Musil getreten ist, sondern auch mit dem Fundamet und dem Gerüst, das er seinem Roman gegeben hat. Musil hat mit seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE) Philosophie und Dichtung vereint und damit dem Zeitgeist der KuK-Monarchie, der im Fin de Siècle ein letztes Mal aufblühte um endgültig zu verblühen, ein Denkmal gesetzt. „Die Hauptstadt“ ist ein Denkmal, das der EU gewidmet ist. Es ist ein Denkmal für eine Epoche, die blüht. Derzeit noch.

Zeitbedingt ersetzt Menasse Wien durch Brüssel, KK durch EU. Und es geht auch bei Menasse um die zündende Idee für eine Jubiläumsfeier, die als Parallelaktion konzipiert ist.

Die Geburt der Idee beschreibt Musil so: „Dr. Paul Arnheim war nicht nur ein reicher Mann, sondern er war auch ein bedeutender Geist. Sein Ruhm ging darüber hinaus, daß er der Erbe weltumspannender Geschäfte war, und er hatte in seinen Mußestunden Bücher geschrieben, die in vorgeschrittenen Kreisen als außerordentlich galten. … Arnheim verkündet in seinen Programmen und Büchern noch dazu nichts Geringeres als gerade die Vereinigung von Seele und Wirtschaft oder von Idee und Macht. … Arnheim wurde entzückt, als er in Diotima eine Frau antraf, die nicht nur seine Bücher gelesen hatte, sondern als eine von leichter Korpulenz bekleidete Antike auch seinem Schönheitsideal entsprach, … 'man müßte -' hatte sie gesagt, und Arnheim unterbrach sie: Das sei ganz wundervoll; 'neue Ideen oder, wenn es erlaubt sei zu sagen (hier seufzte er leicht), überhaupt erst Ideen in Machtsphären zu tragen!' Und Diotima war fortgefahren: Man wolle Komitees aus allen Kreisen der Bevölkerung bilden, um dieses Ideen zu ermitteln. … Bis hierher hatte sich Diotima des Gespräch wörtlich wiederholt, aber an diesem Punkt löste es sich in Glanz auf; … Ein unbestimmtes, spannendes Glücks- und Erwartungsgefühl hatte sie die ganze Zeit über immer höher gehoben; nun glich ihr Geist einem ausgekommenen, kleinen, bunten Kinderballon, der herrlich leuchtend hoch oben gegen die Sonnen schwebt. Und im nächsten Augenblick zerplatzte er. Da war der großen Parallelaktion eine Idee geboren, die ihr bis dahin gefehlt hatte.“

Die Geburt der Idee beschreibt Menasse so: „Das Big Jubilee Project. … Es war Mrs Atkinsons [Generaldirektorin der DG KOMM] Idee gewesen. Fenia Xenopoulou war die Erste, die darauf reagierte – und das Projekt rasch an sich zog. Das gehörte ins Kulturressort, fand Fenia, keine Frage. Das war die Chance, auf die sie gewartet hatte, um Visibilité zu zeigen. … Mich interessiert die Sache nicht, hätte Martin am liebsten gesagt. Er beschloss, ganz einfach allen recht zu geben, um sich nicht zu exponieren. In Anbetracht der Bedeutung dieser Angelegenheit, sagte er in Richtung Fenia, sei klar, dass – und nun in Richtung Bohumil: - die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen. … Es habe keine andere Idee gegeben als diese: anlassbedingt ein Jubiläum zu feiern. Aber der Anlass allein sei eben noch keine Idee. … So war Martin Susman in die Falle getappt. Nach einigem Hin und Her sagte Fenia Xenopoulou: Schluss jetzt, der Einzige, der sich offenbar Gedanken gemacht habe, sei Martin. Es sei absolut logisch, was er gesagt habe. Das Um und Auf sei eine zentrale Idee. Sie beauftragte Martin, die Idee zu entwickeln und ein entsprechendes Papier zu schreiben.“

Musils „Ulrich“ heißt bei Menasse „Martin“, er ist österreichischer Beamter in der Kulturabteilung, ausgestattet mit Intelligenz, aber, so wie Ulrich, mit unterentwickeltem Karrierebewusstsein. Er bringt „die Idee“ aufs Tapet und muss für die Realisierung auch gleich die Verantwortung übernehmen. „Die Kultur“, bislang ein Abstellgleis der Kommission, erhält so eine unerwartete Aufwertung: „Jeder Mitgliedstaat der EU hatte das Anrecht auf einen Kommissar-Posten, … Als nach den damaligen Europawahlen die Ressorts neu besetzt wurden, kam das Gerücht auf, dass … Österreich … 'die Kultur' bekommen sollte. … Die österreichische Koalitionsregierung zerstritt sich, … die österreichischen Zeitungen machten Stimmung und sie konnten sich auf die Entrüstungsbereitschaft ihrer Leser verlassen: 'Uns droht die Kultur!' Oder: 'Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!' Das scheint als Reaktion sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich dieses Land als 'Kulturnation' – nun, vielleicht nicht 'begriff', aber doch gerne bezeichnete.“

Man könnte „Die Hauptstadt“ mit dem Wiener Grand Hotel vergleichen, dessen Fassaden stehen geblieben sind um es innen auf den alten Fundamenten völlig neu zu errichten. Doch für einen brillanten Schriftsteller wie Menasse ist die Neu-Adaptierung des MoE keine ausreichende Herausforderung. Wenn ein Plot so stark ist, dass er als Remake für jede Generation neu erfunden werden kann, dann gilt: „A Star is born!“ Eine Wiedergeburt – die Auferstehung der Parallelaktion - ohne zureichenden Grund wäre gemäß dem Prinzip des unzureichenden Grundes zwar möglich, aber nicht wirklich spannend für einen Autor mit Möglichkeitssinn.

Um seine schriftstellerischen Möglichkeiten voll auszuspielen führt Menasse einen zweiten Plot parallel, den er Dan Browns „Illuminati“ entlehnt. Und dazwischen findet noch Franz Kafkas „Die Verwandlung“ Platz. Das Personal des MoE ebenso wie der „Hauptstadt“ ist wohlhabend, wenn auch gemessen an den wirtschaftlichen Möglichkeiten ihrer Epochen nicht wirklich reich, nicht „superreich“, wie man heute sagen würde. Doch immerhin ideenreich - gemessen am jeweiligen Zeitgeist, sofern dieser nicht idealistisch als Vorläufer seiner Zeit, sondern empirisch als Spiegel seiner Zeit verstanden wird.

Die dritte Parallele zeichnet Florian, der ältere Bruder von Martin, der schon früh den Schweinezuchtbetrieb seines Vaters übernehmen musste und zu einem Schlachthof ausgebaut hat. Als Obmann der EPP, European Pig Producers, die mit EPP, European People´s Party, im Clinch liegt, ist er international viel unterwegs. Am Weg nach Ungarn – als Opfer eines Auffahr-Unfalls auf der Autobahn - zieht sich Florian Susman schwere Verletzungen zu: „Und jetzt lag er da wie ein auf den Rücken gefallener Käfer. Jetzt war er verwandelt in einen hilflosen Käfer. Plötzlich. Einfach so. Und wartete darauf, versorgt zu werden.“ Martin fliegt umgehend von Brüssel nach Wien um seinem Bruder im Krankenhaus beizustehen und vernachlässigt die Vorbereitungen zum Big Jubilee. Das Projekt der Kommission wird indessen langsam aber sicher vom Rat viviseziert.

Während die Parallelführungen zu Musil und Kafka beweisen, dass, wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, es auch einen Möglichkeitssinn geben muss, beweist die Parallele zu Dan Brown, dass jedem Autor einmal die Phantasie durchgehen kann. Bei dieser Parallelaktion geht es um einen ungeklärten Mord. „Dass das Vertuschen des Mords im Hotel Atlas nicht bloß auf einen belgischen Staatsanwalt zurückging, sondern dass die Nato da irgendwie die Finger im Spiel hatte, war für [den Kommissar] Émile Brunfaut tatsächlich 'zu groß'.“ Die Brüssler Untersuchungsbehörden und die Nato als finstere Mächte, die eine Aufklärung verhindern wollen, sind dem Autor offenbar nicht genug, denn aus Sicht von Émile Brunfaut „wetteifern die Geheimdienste mit allen Mitteln um die Gunst des Vatikans, um Zusammenarbeit und Austausch mit der Kirche. Das war im Kalten Krieg so, und das ist mittlerweile nicht einmal mehr ein Gehemnis. Jetzt gibt es einen anderen Feind. Es ist nicht mehr der gottlose Kommunismus, der Feind heute heißt Islam.“

Dass alle Parallelen, die durch die Hauptstadt laufen, sich im Unendlichen treffen, lässt sich literaturwissenschaftlich nicht beweisen. Anders als Musils MoE bleibt „Die Hauptstadt“ nämlich nicht unvollendet und somit unendlich, sondern wird mit Seite 459 beendet. Leider aber nicht vollendet.

Robert Musil unterscheidet zwischen Schriftsteller und Dichter. Der Schriftsteller ist ein Meister seines Handwerks, dessen Leistungen sich im Markterfolg spiegeln. Der Dichter ist Denker, der imstande ist den für viele unfassbaren Zeitgeist in Worte zu fassen und zu einem Roman zu verdichten. Robert Menasse ist ein Dichter, und zweifellos einer der besten unserer Zeit. Meiner subjektiven Einschätzung nach: der Beste! Diese Einschätzung konnten, seit ich vor zwei Jahrzehnten seinen Erstlingsroman „Sinnliche Gewissheit“ gelesen habe, ein paar schwächere Titel wie „Schubumkehr“ und „Don Juan“ nicht erschüttern. Nach der Lektüre des Romans „Die Vertreibung aus der Hölle“ ist dieses Urteil für mich allerdings endgültig. Über „Die Vertreibung“ könnte ich keine Rezension schreiben, für diesen Roman gibt es nur einen Begriff: epochal.

Allein aufgrund dieser Lese-Erfahrungen ist die Erwartung an einen „wahren“ Menasse, der seinen Möglichkeitssinn literarisch vollkommen auslebt, entsprechend hoch. Und allein aufgrund dieser Erwartungshaltung wirkt „Die Hauptstadt“ wie das Auftragswerk eines Schriftstellers: gekonnt, ja sogar perfekt, besser als viele andere aktuelle Werke des Literaturbetriebs, aber doch nur Handwerk eines Schriftstellers mit Wirklichkeitssinn.

Robert Menasse

Die Hauptstadt

Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Video: Robert Menasse über die Vorgeschichte dieses Buches 

Eckoldt Matthias: Virus. Partikel Paranoia Pandemien

Matthias Eckoldt

Virus. Partikel, Paranoia, Pandemien“ heißt das aktuelle Buch des Wissenschafts-Journalisten Matthias Eckoldt. Der Titel ist dem Zeitgeist geschuldet, wonach auch Sachbücher mit reißerischen Schlagzeilen vermarktet werden müssen. In einer anderen Zeit hätte man wohl sachlich treffender angekündigt, was der eigentliche Inhalt des Buches ist: „Über die Virenforscher und ihre andauernden Kämpfe um die Deutungshoheit“. Oder ganz einfach: Über die Erforschung der Viren - vom Miasma über Abiogenese und Biogenese zum Konzept.

Foto: Matthias Eckoldt, CC BY-SA 3.0

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Heinzlmaier Bernhard: Generation Corona

Heinzlmaier Buch

Bernhard Heinzlmaier lehrt an der FH Joanneum in Graz und an der FH Burgenland in Eisenstadt im Studiengang Soziale Arbeit. Er ist seit über zwei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig und Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung, seit 2003 dessen ehrenamtlicher Vorsitzender. Außerdem leitet er das Marktforschungsunternehmen tfactory in Hamburg.

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Im Buch "Generation Corona" schildert Heinzelmaier die unterschiedliche Betroffenheit von privilegierten und nicht-privilegierten jungen Milieus in der Corona-Krise und der kommenden Post-Corona-Zeit. Es zeigt, dass die, die bisher wenig hatten, durch Corona nun noch weniger haben. Während die Kinder der Privilegierten weiter frei, unabhängig und ego-getrieben leben wollen und durchaus risikoaffin sind, streben die Mittel- und Unterklassen nach einer Gesellschaft, die Sicherheit, Ordnung und mehr Gleichheit garantiert. Wörtliche Zitate aus dem Buch:

„Was Corona uns allen drastisch vor Augen geführt hat, ist, dass die, die uns regieren und über uns bestimmen, in einer abgehobenen Zone des Komforts, der Überfülle und der Wohlhabenheit leben. Ihre privilegierte Lebenslage macht sie blind für die Sorgen, Nöte und Bedürfnisse der 'normalen' Menschen.“

„Schon heute wissen wir, dass sich die Folgen der Corona-Krise besonders negativ auf die Jugendlichen der Arbeiter- und Unterschichten auswirken werden. Die untere Hälfte der gesellschaftlichen Bildungs- und Statushierarchie wird nicht nur den überwiegenden Teil der Einkommensverluste und der explodierenden Arbeitslosigkeit zu tragen haben, auch der entstehende Bildungsnachteil wird zum großen Teil die Kinder der unterprivilegierten Schichten treffen und deren ohnehin schlechten Arbeitsmarktchancen weiter reduzieren.“

„Wenn wir einen resümierenden Blick auf den Verlauf der Corona-Epidemie werfen, so ist das wohl hervorstechendste Merkmal, dass politische und mediale Diskurse zur Pandemie und ihren Folgen bis heute primär auf die Problemlagen der privilegierten Schichten der Gesellschaft bezogen werden. Die unteren Sozialschichten fungieren, wie wenn sich die Gesellschaft im Normalitätsmodus befindet, als das „Fremde“ und das „Andere“, das man verschämt zur Seite schiebt und so behandelt, als würde es nicht existieren.“

„Mit großen Schritten bewegen sich die deutsche und die österreichische Gesellschaft auf eine gefährliche Repräsentationskrise des politischen Systems zu. Schon vor der Corona-Krise waren die Unterschichten medial weitgehend stummgeschaltet, in der Corona-Zeit hat sich deren Exklusion noch verstärkt. Die Botschaft, dass sich 'die da oben' nicht für ihr Leben interessieren, ist nun aber bei den Unterschichten angekommen. Es zeigt sich daran, dass unter ihnen das Vertrauen in Medien, Journalisten, Manager, Parteien und Politiker dramatisch niedrig geworden ist. Die Kinder des oberen Gesellschaftsdrittels sind mit Politik und Medien zufrieden wie niemals zuvor, der prekäre und abgehängte *Rest* räsoniert darüber, dass seine Meinung in den öffentlichen Debatten unterdrückt wird, und man nicht mehr sagen kann, was man sich denkt."

Bernhard Heinzlmaier

Generation Corona. Über das Erwachsenwerden in einer gespaltenen Gesellschaft

Hirnkost Verlag, Berlin 2021,

Ergänzung 29.12.2021: Kommentar des Autors auf exxpess.at: "Mückstein versucht Probleme durch das Werfen von gutmenschlichen Nebelkerzen zu verbergen. Das Horrorszenario einer Krisengesellschaft, in der sich die soziale Spaltung immer weiter vergrößert und die Politik, von elitären Jugendbewegungen getrieben, sich überwiegend mit den Identitätsproblemen von Mikrogruppen und der Verhinderung von hysterisch aufgeblasenen ökologischen und klimatischen Katastrophen beschäftigt, anstatt sich mit den handfesten sozialen und ökonomischen Problemen der normalen Bevölkerung auseinanderzusetzen, versucht nun der Linkspopulist Mückstein durch das Werfen von ein paar gutmenschlichen Nebelkerzen zu verbergen." Details siehe: Der Feldzug der Linkspopulisten gegen die normalen Menschen

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Ergänzung 28.10.2023: Der grüne Kurzzeit-Gesundheitsminister (April 21 bis März 22) Mückstein hat vielleicht die Fäden gezogen, als die Grünen in einer APA / OTS Aussendung am 11.8.23 aufregten: "Jugendforscher Heinzlmaier spielt mit rechtsextremen Codes bei Pressekonferenz mit Jugendstaatsekretärin Plakolm". Es folgte eine Sachverhaltsdarstellung und darüber hinaus eine parlamentarische Anfrage bezüglich laufender Aufträge aus dem Bundeskanzleramt an Bernhard Heinzlmaier. Nach mehr als zwei Monaten meldet ORF.at (28.10.23) und zeigt den Jugendforscher im inkriminierten T-Shirt mit Runen-Logo einer Rockband: "Der Auftritt von Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier in einem umstrittenen T-Shirt hat keine strafrechtlichen Folgen. Nach Prüfung mehrerer Anzeigen habe sich kein Anfangsverdacht wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz ergeben, erklärte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien, Romina Kaschnitz-Biegl", 

Ressler Otto Hans: Leherb

Leherb im Prater 2021

Das Leben von Helmut Leherb war eine surreale Hochschaubahn, sein Tod ein Selbstmord mit langem Anlauf. Die Erinnerungen von Lotte Profohs, aufgearbeitet von Otto Hans Ressler im Buch „Leherb. Tagträumer und Nachtwandlerin“, sind ein Lehrstück des Wiener Intrigantenstadls.

Foto: Wandbild von Leherb im Wiener Prater, weitere Werke des Künstlers finden Wien-Touristen im Donaupark.

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Ressler Otto Hans: Der Mikl

Der „Provokateur“, der „schwer Fassbare“, wie ihn Die Presse in ihrem Nachruf beschrieb, war eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen österreichischen Malerei. „Sich mit der Kunst einzulassen“, sagt er, „gibt’s nicht umsonst.“ „Mikl“ hat aus der Kunst die Kraft für ein ganzes Leben gezogen – und ist doch daran zugrunde gegangen.

„Der Mikl“ ist keine Biografie, sondern ein Künstlerroman, der sich freilich eng an den biografischen Daten Josef Mikls entlang entwickelt. Fiktion und Fakten sind darin nicht zu trennen. Der Künstler selbst erzählt von seiner Kindheit im nationalsozialistischen Wien und vom Widerstand, den er zu leisten versuchte. Er erzählt von seinem Studium an der „Graphischen“ und an der Akademie, von seiner Wut auf das Künstlerhaus, das für ihn ein einziger Hort ehemaliger Nazis war, und der bösen Rache, die er an deren Mitgliedern nahm. Er beschreibt seine Professoren Josef Dobrowsky und Herbert Boeckl, berichtet von seinen ewigen Streitigkeiten mit Alfred Hrdlicka, von seiner Verachtung für Sergius Pauser, Oswald Oberhuber und Gustinus Ambrosi, und immer wieder von seinem Hass auf Journalisten im Allgemeinen und Kunstkritiker im Besonderen.

„Der Mikl“ schildert seine Zeit im Art Club und die Eifersüchteleien und Konkurrenzkämpfe in der Gruppe St. Stephan. Er erklärt, warum er nur für so wenige Künstlerkollegen Sympathie und Respekt aufbringt und für so viele nichts übrig hat, weil er sie für Scharlatane hält. Er erzählt von Monsignore Otto Mauer, seinen ersten Aufträgen, den ersten Erfolgen. Er enthüllt die Abgründe seines Lebens, legt schonungslos die Probleme seiner drei Ehen offen, berichtet von seiner Zeit als Akademieprofessor und am Theater am Fleischmarkt, von seiner Feindschaft mit Klaus Kinski und seiner Freundschaft mit Helmut Qualtinger. Aber vor allem erzählt er, was Kunst für ihn bedeutet – etwas, was er Zeit seines Lebens meist abgelehnt hat. Er erklärt, wie er zu seinen „Röhren“ kam, die in den 1940er und 1950er Jahren, als es an der Akademie noch verboten war, abstrakt zu malen, das Publikum verstörten. Er äußert sich über die Missverständnisse über zeitgenössische Kunst, über den Unfug, den Kritiker darüber verbreiten, und über die zentrale Bedeutung des Handwerklichen.

„Ein Sprichwort besagt“, notiert er, „das Handwerk habe goldenen Boden. Aber wo das Handwerk verschwindet, verschwindet auch dieser Boden. Wir leben“, schreibt er, „auf einer vergifteten Talmi-Erde. Zusammen mit der Wegwerf-Industrie mit den dazugehörigen Wegwerf-Direktoren und ihren Wegwerf-Gehältern. Auch die Kunst verliert ihren Boden“, schreibt „Der Mikl“, „wenn das Handwerk in ihr verschwindet. Auch die Kunst ist vergiftet.“

Zuletzt nimmt „Der Mikl“ offen zu seiner Krebserkrankung und seinem bevorstehenden Tod Stellung; beides Themen, über die er im wirklichen Leben nie auch nur ein Wort verloren hat. Und immer wieder kehren seine Gedanken zurück zur Kunst, zur Malerei, zu den Auseinandersetzungen über Abstraktion und Gegenständlichkeit, über die weit verbreiteten Irrtümer, die darüber herrschen, über den „Zeitgeist“, für den er nur Verachtung übrig hat, und die Hoffnung, dass sich in einer fernen Zukunft die Fragen, die die Gegenwart nicht beantworten konnte, klären werden.

Josef Mikl wurde am 8. August 1929 in Wien geboren. Von 1948 bis 1955 studierte er Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1956 gründete er mit Arnulf Rainer, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky die Gruppe „Galerie St. Stephan“, die sich unter der Leitung von Monsignore Otto Mauer zum Brennpunkt der österreichischen Avantgarde entwickelte. 1964 wurde Josef Mikl zur documenta III in Kassel eingeladen, vertrat 1968 Österreich bei der Biennale in Venedig und wurde 1969 an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen, wo er 27 Jahre lang eine Meisterschule bzw. den Abendakt leitete. In den 1990ern realisierte er das 400 Quadratmeter große Deckengemälde und 22 Wandbilder für den Redoutensaal der Wiener Hofburg. Er starb am 29. März 2008.

Otto Hans Ressler wurde am 12.11.1948 in Knittelfeld geboren. Er war ab 1978 Direktor des Grazer Dorotheums, danach Direktor der Kunstabteilung des Wiener Dorotheums. 1993 – 2011 Geschäftsführender Gesellschafter der Auktionshaus im Kinsky GmbH. Seit 2014 Geschäftsführender Gesellschafter der RESSLER KUNST AUKTIONEN GMBH. Autor zahlreicher Bücher, u.a. Der Markt der Kunst (2001), Die Preise der Kunst (2003), Der Wert der Kunst (2007), alle im Böhlau Verlag. Weitere Künstler Romane, die der Autor als "Faction" einordnet, schrieb Ressler über Leherb und Soshana. Die IG-Galerien zeichnete den Auktionator und Autor im Jahr 2015 mit dem Award "Kunstmediator" aus.

Otto Hans Ressler

Der Mikl

Edition Va Bene Wien

Musil Robert: Der Mann ohne Eigenschaften

Warum ist "Der Mann ohne Eigenschaften" (MoE) ein Roman und doch kein Roman? Ein Roman im konventionellen Sinn erzählt Geschichten. Die Geschichte hat immer einen bestimmten nachvollziehbaren und nacherzählbaren Ablauf, egal ob es sich dabei um Erlebnisse und Tätigkeiten handelt, oder um Naturschilderungen. So gesehen könnte man die Geschichte des MoE in Kürze zusammenfassen:

Der erste Teil des Romans, "eine Art Einleitung", dient der Beschreibung von Zeit ("Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913", MoE 9) und Ort der Handlung (d.i. "Kakanien", MoE 31), woraus aber "bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht" (MoE 9). Außerdem wird schon hier Ulrich, die Hauptfigur des Romans, charakterisiert als MoE. Ulrich beschließt, "sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen" (MoE 47). Die briefliche Ermahnung seines Vaters, der sich um Ulrichs Zukunft Sorgen macht, leitet über zum zweiten Teil, in welchem "seinesgleichen geschieht" (MoE 81).

Die Handlung des zweiten Teils kreist um den "Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungs-Jubiläum seiner Majestät" (MoE 296), in der Folge kurz Parallelaktion genannt, weil dieses Jubiläum des "Friedenskaisers" im gleichen Jahr stattfmden soll, wie das bloß Dreißigjährige Jubiläum Kaiser Wilhelm II. Ulrich wird durch die Protektion seines Vaters (um es vornehm zu sagen) von Graf Leinsdorf zum Ehrensekretär dieser Aktion ernannt.

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Ransmayr Christoph: Der Lauf der Zeit

James Cox (1723-1800), der wohl berühmteste Uhrmacher des 18. Jahrhunderts, hat ein Produktions- und Handelsimperium mit bis zu 1.000 Mitarbeitern aufgebaut und neben Uhren auch Automaten produziert und an alle Herrscher der damaligen Welt verkauft. Auch an den Kaiser von China, Qianlong (1711-1799). Dies inspirierte Christoph Ransmayr zu seinem Roman „Cox oder: Der Lauf der Zeit“, erschienen 2016.

Im Roman reist Alister Cox gemeinsam mit Jacob Merlin (historisch: Joseph Merlin) auf Einladung von Qianlong, dem „Herrn über zehntausend Jahre“, nach China um im Auftrag des Kaisers noch nie da gewesene Uhren zu erfinden. Zunächst baut Cox mit seinen drei Gehilfen das Silberschiff (historisch: der Silberschwan). „Der Allmächtige hatte ihm die Wahl gelassen. Daß der Kaiser eine Wahl nicht selber traf, sondern einem anderen überließ, noch dazu einem ausländischen Gast bei Hof, sagte Kiang, einem Gast, der eines Tages wieder verschwinden und sich damit jeder Verantwortung entziehen konnte, sei etwas, von dem weder er noch irgendeiner, der je einen Fuß in die Verbotene Stadt hatte setzen dürfen, gehört habe. … Cox würde also als erstes Beispiel für den vielfältigen Lauf der Zeit seinem Auftraggeber eine Uhr bauen, die das wellenförmige Gleiten, das an und abschwellende Rauschen, die Sprünge, Stürze, Gleitflüge und selbst den Stillstand der Lebenszeit eines Kindes spürbar machen und messen konnte.“

Im Gegensatz dazu stand der zweite Auftrag: „Eine Uhr für Todgeweihte, für Sterbende, sagte Kiang, solle Cox nun entwerfen und bauen, einen Zeitmesser für zum Tode Verurteilte und alle, die das Datum ihres Todes kannten, das Ende ihres Lebens unabweisbar kommen sahen und sich nicht mehr mit der Hoffnung auf eine Art dehnbarer, vorläufiger Unsterblichkeit besänftigen durften, mit der doch die meisten Lebenden sich über die Endlichkeit ihrer Existenz täuschten.“

Während dieser Auftrag noch nicht vollendet war, kam der dritte, letzte, die Zeit selbst zum Stillstand bringende Wunsch des Kaisers: „Der Kaiser befahl nicht. Er wünschte. Es war ja Sommer. Und im Sommer sollte kein Teil des Lebens dem Leben in der Verbotenen Stadt und dem Rest des kühleren, schattigeren Jahres gleichen. Es gab keine Befehle in Jehol.“ (S. 208). „Was Qianlong nun als seinen Wunsch, nein: als seinen unabweisbar gewordenen Traum vortrug, war so maßlos und gleichzeitig so vertraut, als hätte er in den vergangenen Jahren gemeinsam, ja!, gemeinsam mit Alister Cox und dessen Gefährten geträumt, gemeinsam mit ihnen das Unmögliche gedacht, um es irgendwann über die Grenzen aller Vernunft und Logik hinaus Wirklichkeit werden zu lassen: ein Uhrwerk, das die Sekunden, die Augenblicke, die Jahrhunderttausende und weiter, die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen und deren nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren.“

Wie Cox dieses Perpetuum Mobile realisiert, damit aber die Allmacht des Herrn über zehntausend Jahre in Frage stellt und gleichzeitig sein eigenes Leben riskiert, diese Geschichte erzählt Christoph Ransmayr in einer fein geschliffenen Sprache, die nicht aus unserer schnell- und kurzlebigen Zeit ist, aber umso mehr in die Epoche dieser zeitlosen Geschichte passt, die vom ewigen Traum erzählt, die Grenzen unserer Welt zu überschreiten, wobei die Grenzgänger aber mit jenen paktieren müssen, die der Welt ihre Grenzen gesetzt haben.

Christoph Ransmayr

Cox oder: Der Lauf der Zeit

Verlag S. Fischer, 2016

Leys Tatyana: Das kleine Buch zum neuen Denken

Transhumanismus

„Ein neues Denken wird die Grundvoraussetzung für alles Zukünftige sein.“ Ein schwerwiegender Satz mit unglaublicher Leichtigkeit formuliert. Das schafft die Autorin Tatyana Leys immer wieder in ihrem „Kleinen Buch zum neuen Denken“. Wenn die Autorin ihre Gedanken, Überlegungen und Analysen entwickelt, dann „in typisch weiblicher Art höchst willkürlich“ - und wie ein "gelernter Philosoph" neidlos anerkennen muss: unbeschwert, tiefschürfend und treffsicher!

„Panik macht sich in mir breit, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Gründe der Krise nicht benennen lassen, da alles mit allem zusammenhängt und unser neoliberales System der Ursprung der Krise und die Krise selbst ist.“

„Das Web hat sich zu einem Überwesen entwickelt. Es kann als eigenes Sinnesorgan verstanden werden, als neues, gemeinsames Sinnesorgan aller Menschen. Mit dem globalen Sinnesorgan Web hat sich ein globales Bewusstsein herausgebildet, das weltweit Gefühle erzeugt. Dieses neue Sinnesorgan beeinflusst unsere Wirklichkeit und Wahrnehmung.“

„Wir leben im Zeitalter der digital vermittelten, gefühlten Wirklichkeit. Postfaktisch gesehen kommt uns das sehr entgegen. Während wir bisher damit beschäftigt waren, die Wahrheit heraus zu finden, können wir uns sozialmedial auf unser Gefühl verlassen. Das erleichtert unsere Arbeit und reduziert den Stressfaktor enorm. Unser rationales Denken rückt in den Hintergrund und unsere Gesellschaft kann sich neu formieren. Damit sind wir zu einer Gesellschaft emotionaler und getriebener Wesen mutiert.“

Diese Zitate sind elementar, denn das „kleine Buch zum neuen Denken“ ist auch ein Handbuch des Transhumanismus. „Der Transhumane ist ein Mensch, der über den Menschen hinausgewachsen, sprich mit besseren Fähigkeiten ausgestattet, die Welt und sich neu definiert. Es geht um die Optimierung und Verbesserung des ganze Menschen. Diese Optimierung betrifft alle Bereiche, sowohl auf geistiger, körperlicher und emotionaler Ebene.“ Mit diesem Handbuch des Transhumanismus liefert die Autorin nicht nur Denkanstöße, sondern auch den derzeit besten Überblick über die Thematik.

Tatyana von Leys bringt kurz und prägnant die wichtigsten Argumente, Pro und Contra, von Ray Kurzweil bis Jürgen Habermas und thematisiert auch künftige ethische Probleme, denn die „Schnittstelle zwischen Mensch, Bewusstsein und Technologie wird zu einer der wichtigsten politischen Fragen werden … Die Technik ist zur politischen Kraft geworden.“

Resümee: Auch wenn die Autorin große Hoffnungen in die Technik setzt und Chancen sieht, dass die Welt der Transhumanen eine bessere Welt sein wird als die Welt des Homo faber und des Homo sapiens, ist Skepsis angebracht, dass die biotechnologische Revolution in 20 Jahren das schaffen könnte, was die Evolution der Menschheit in den vergangenen 200.000 Jahren, das Christentum in den vergangenen 2000 Jahren, die Aufklärung in den vergangenen 200 Jahren nicht geschafft haben: einen Menschen, der das Prädikat menschlich verdient.

SIEHE AUCH: Artikel über das Buch und Bilder der Künstlerin auf pressetext.com (14.11.2018)

Tatyana Leys

Das kleine Buch zum neuen Denken

Technik und Macht = Evolution neu gedacht

ISBN: 978-3746054513 BoD, 2018

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Strolz Matthias: Warum wir Politikern nicht trauen

„Ich liebe Politik.“ Mit diesem Satz endet das Buch „Warum wir Politikern nicht trauen und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert“, das Matthias Strolz 2011 publiziert hat. Zwei Jahre später ist er als NEOS-Chef in den Nationalrat eingezogen. Die Politik war sein Lebensabschnittspartner, dem er 2018 wieder den Rücken gekehrt hat. Seine Familie war ihm wichtiger.

Im ersten Teil des Buches geht der Autor der Frage nach, welche Dynamiken die Glaubwürdigkeit zersetzen. Und im zweiten Teil verspricht er den „Aufbruch in eine neue Glaubwürdigkeit“. Seinen Aufbruch, denn das Buch kann durchaus als Programmschrift für seine kommende Tätigkeit als Politiker sein. Als Berater von Politikern war er vorher unter anderem sechs Jahre lang ein Potenzialträger-Programm für den ÖVP Wirtschaftsbund geleitet. Dabei hat er erlebt, dass die auf „Highlife-Dynamik“ getrimmten Teilnehmer über die Schattenseiten des Politikerdaseins wenig wissen (wollen).

Gegen Politiker-Bashing wendet sich der Berater, auch gegen das Vorurteil, die „Ochsentour“ einer Politikerkarriere sei anrüchig, denn oft müsse man viele Jahre ehrenamtlich tätig sein, bis sich die Türen zu einem bezahlten Politikerjob öffnen. Strolz geht noch einen Schritt weiter: „nichts unterscheidet die ‚Ochsentour‘ eines politikers qualitativ vom Karriereklettern eines Managers auf den verschiedenen Sprossen der firmeninternen Hierarchie.“ Dafür braucht man Frustrationstoleranz – der Berater findet dafür einen eleganteren Begriff: „Resilienz“. Dabei geht es um die Frage, wie man seine Widerstands- und Krisenfestigkeit steigert.

Zwei weitere Faktoren für die ideale Politiker-Persönlichkeit sind: „Identität: Wie handle ich im Einklang mit meinem eigenen Wesen und meinen Werten? Passion: Wie entwickle und halte ich meine Leidenschaft?“ Darüber hinaus brauchen Manager ebenso wie Politiker drei Führungsqualifikationen, und zwar „Systembewusstsein: Wie erkenne, nutze und gestalte ich Beziehungen und Kommunikation innerhalb und außerhalb unserer Organisation? Resonanzfähigkeit: Wie gelingt es mir, frühzeitig leise Signale zu hören? Ambiguitätstoleranz: Wie verhält sich unsere Organisation in widersprüchlichen, unsicheren und ergebnisoffenen Situationen?“

Strolz hat immer Politik mit Emotionen betrieben, die Begründung dafür findet sich in seinem Buch: „die Rationalisierung als prioritärer Weg der Daseinsbewältigung hat sich als Utopie erwiesen. ‚Alles, was im Gehirn keine Emotionen auslöst, ist für das Gehirn wert-, sinn- und bedeutungslos‘“, zitiert er den Politikberater Hans-Georg Häusel. Emotionen sollten die Politiker daher nicht den Populisten überlassen. Als Vorbild zitiert Strolz die Autorin Marie von Ebner-Eschenbach: „Wahre Liebe fordert nicht, wahre Liebe gibt. Sie ist eine Entgegenkommen, ein Geben, aber auch ein Annehmen. Wahre Liebe ergreift nicht Besitz, sondern gibt Freiheit.“ (S. 94)

Doch am Ende geht es in der Politik nicht um Emotionen, sondern um Macht. Wer nicht bereit oder gewillt ist, den Führungsanspruch zu stellen, sollte zuhause bleiben. Doch wer sich als junger Abgeordneter zu schnell profilieren will, fährt leicht an die Wand (wie auch Ex-ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner in seinen Erinnerungen nachdrücklich schildert).

Strolz meint dazu: „Der Klubzwang paralysiert das freie Mandat und offizielle Sprachregelungen überwuchern die persönlichen Überlegungen. Auch die spezifischen Rekrutierungsmechanismen der Parteien […] legen nahe, dass es die reife Persönlichkeit in der Politik nicht leicht hat.“

Die Parteien sind jedoch für eine Demokratie unersetzlich, meint Strolz. „Die Legitimation oder Notwendigkeit von Parteien in Frage zustellen […] halte ich für hochgradig naiv.“ Die Funktion der Parteien beschreibt er idealtypisch, vielleicht ein bisschen zu idealistisch: „Politische Organisationen, allen voran Parteien, sind soziale Integrationsveranstaltungen. Sie haben in unserem System einen ‚Bündelungsauftrag‘. Ihre Aufgabe in einer Demokratie ist es, Ideen, Überzeugungen und Werthaltungen zu formen und zu synchronisieren, auf dass politische Entscheidungen im Diskurs miteinander möglich werden.“

Parteiinterne Spannungsverhältnisse zwischen Visionen und Ausrichtung an Meinungsumfragen sind vorprogrammiert. „Tatsächlich öffnet das freie Mandat des individuellen Abgeordneten eine spannungsvolle Beziehung zur Vision der Gesamtpartei. Wie lassen sich die persönlichen Vorstellungen der einzelnen Abgeordneten und deren Verhalten mit der Linie der Gesamtpartei synchronisieren? Jeder, der einmal so eine Orchestrierungsaufgabe wahrzunehmen hatte […] wird anschließend Sympathie und Verständnis für das mitunter garstige Instrument des Klubzwangs haben.“

Die Relativierung des freien Mandats durch den Gründer einer liberalen Partei ist enttäuschend. Der Artikel 56 des Bundes-Verfassungsgesetzes (Absatz 1) ist eindeutug: „Die Mitglieder des Nationalrates und die Mitglieder des Bundesrates sind bei der Ausübung dieses Berufes an keinen Auftrag gebunden.“

Es war bislang nicht bekannt, bis zu welchem Grad die NEOS den Klubzwang im Nationalrat ausüben oder ausgeübt haben. Auf Anfrage antwortete Matthias Strolz (Mail vom 8.6.2020): „Die NEOS haben in ihrem Grundsatzprogramm das verfassungsrechtlich garantierte 'freie Mandat' nochmals als gemeinsames Bekenntnis hervorgehoben. Jeder Abgeordnete soll sich - gerade auch in seinen Interaktionen mit der Parteiführung und der Fraktionsführung im Parlament - nicht nur auf die Verfassung sondern auch auf die formulierten Grundüberzeugungen der Bewegung und Partei berufen können. Das freie Mandat wird daher von NEOS jederzeit hochgehalten. Natürlich ist es die Aufgabe eines/r Fraktionsführers/in einer Partei in einem Parlament, nach Möglichkeit gemeinsame Handlungs- und Entscheidungslinien zu orchestrieren. Das soll nie unter Zwang passieren, aber bedarf einem sehr hohen Aufwand an ‚Integrationsarbeit‘. Ohne gemeinsame Linien verliert eine Partei ihr Profil und ihre Wiedererkennbarkeit für Wähler/innen. Sie könnte ihre Aufgabe als ‚soziale Integrationsveranstaltung" und ihre "Kanalisierungsfunktion für politische Anliegen‘ nicht mehr wahrnehmen und würde mit hoher Sicherheit auch nicht mehr gewählt werden (‚Wofür denn genau?‘, würde sich ein/e Wähler/in fragen.). So haben wir es unter meiner Führung dann auch im Parlamentsalltag gelebt: Wir hatten einen hohen Grad an Gemeinsamkeit, aber im Vergleich zu den anderen Parlamentsparteien in Österreich auch das höchste Level an ‚Abweichungen von der Klublinie‘, wie es im Parlamentsjargon heißt. In absoluten Zahlen war das sehr überschaubar, aber intern gingen solchen Ereignissen freilich immer sehr intensive Debatten voraus. Ich denke, wir haben hier einen guten Weg gefunden, nachhaltige und sachorientierte Parlamentsarbeit ohne Klubzwang zu organisieren und für die Wähler/innen doch in hohem Grad *wiedererkennbar‘ zu sein.“

Matthias Strolz

Warum wir Politikern nicht trauen … und was sie tun müss(t)en, damit sich das ändert

K & S ISBN 978-3-218-00821-1, 2011

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