Willaschek Marcus: Kant

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Die Revolution des Denkens

Verlag C.H. Beck, München 2023

Willaschek Kant Cover

Der Kant-Experte Marcus Willaschek, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt/Main, hat seine Monografie nach Themen gegliedert, die „Kants Denken für moderne Leserinnen und Leser, die über wenig oder keine Vorkenntnisse in der Philosophie verfügen, lebendig werden lassen“ (15). So werden Kants Positionen zu Politik, Gesellschaft. Erziehung, Moral, Religion und Wissenschaft ausführlich und verständlich erörtert, bevor sich der Autor den abstrakten Themen der reinen Vernunft und der Bedingung der Möglichkeit des Erkennens zuwendet. Willaschek würdigt die herausragenden Leistungen Kants, ohne ihn als Übermenschen in höhere Sphären zu heben. Im Gegenteil: auch Kant irrte, auch manche seiner Standpunkte müssen aus heutiger Sicht korrigiert werden. So weit, so gut. Schade nur, dass sich der Herr Professor bemüßigt fühlt, dies mit moralinsauren Kommentaren zu tun.

Schon im Vorwort schreibt Willaschek: „Auch die problematischen Seiten des kantischen Werkes werden zur Sprache kommen – seine rassistischen und antisemitischen Äußerungen, seine herabsetzenden Urteile über Frauen oder seine moralische Verurteilung von Homosexualität.“ (13) Zwar verweist der Autor im gleichen Absatz darauf, dies dürfe „nicht den Blick auf die großartigen Leistungen Kants verstellen“, doch moralinsaure Kommentare anstelle fundierter Kritik im Sinne Kants schaden dem Buch. Dass im gleichen Jahr auch der Literaturprofessor Jürgen Wertheimer die Fehlleistungen Kants mit erhobenem Zeigefinger rügt, ist einZeugnis für den Zeitgeist 2023, aber kein gutes! Es ist vielmehr ein Armutszeugnis der Selbstgefälligkeit deutscher Universitätsprofessoren, die sich für moralisch überlegen halten, aber gleichzeitig jedem Klischee des Mainstreams der 2020er Jahre unkritisch, ja sogar unreflektiert aufsitzen.

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Doch das soll nicht den Blick auf die großartigen Leistungen von Willaschek verstellen, denn er gewährt tiefe Einblicke in das gesamte Spektrum der Schriften Kants, so dass auch jemand, der einzelne Werke gelesen hat, noch sehr viel entdecken und lernen kann. „Es gelingt Kant immer wieder, scheinbar unvereinbare Aussagen, Thesen und Theorien miteinander zu verbinden, oberflächliche Gegensätze und Einseitigkeiten zu überwinden und so erst zu Auffassungen durchzudringen, die dem jeweiligen Gegenstand in seiner ganzen Komplexität gerecht werden.“ (29) Damit ist treffend charakterisiert, was Kant unter „Kritik“ versteht: Kritik ist mehr als Analyse, mehr als das Abwägen von Pro und Contra, es ist eine Methode, die noch vor wenigen Jahren als Querdenken gefeiert wurde, bevor Querdenker von den Propagandisten der Corona-Herrschaft als „Schwurbler“ oder „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert wurden.

Gleich auf drei Gebieten hat Kant zu Revolutionen beigetragen: „Die erste von ihnen, eine innere Umkehr Kants, ereignete sich Mitte der 1760er Jahre um seinen vierzigsten Geburtstag herum. Sie hatte großen Einfluss auf seine Philosophie, denn sie machte aus dem Naturwissenschafter und Mataphysiker Kant einen ethischen und politischen Denker. Die zweite Revolution vollzog sich in den 1770er Jahren und fand ihren Ausdruck in Kants Hauptwerk, der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ von 1781. Deren ‚Revolution der Denkart‘ bestand darin, das Verhältnis von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt umzukehren und das menschliche Subjekt in den Mittelpunkt der Welt zu stellen. Die dritte Revolution begann am 14. Juli 1789 in Paris mit der Erstürmung der Bastille und führte zur Erklärung der Menschenrechte und der Errichtung der Französischen Republik. Die Französische Revolution radikalisierte Kants politisches Denken und prägte seine späten Werke der 1790er Jahre.“ (19f)

Schon 1755 – Kant betrachtete sich damals eher als Naturwissenschafter – publizierte er in „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ eine Hypothese über die Entstehung von Sonnensystemen und Galaxien. Das Werk blieb weitgehend unbekannt, so dass Pierre-Simon Laplace die gleiche Anschauung vier Jahrzehnte später nochmals publizieren und als eigene ausgeben konnte. „Im Kern besagt diese Theorie, dass Sonnensysteme wie das unsere aus einem ursprünglichen Materienebel hervorgegangen sind.“ (247) Die Physiker sprechen heute von der Kant-Laplace-Theorie.

Nachdem Kant im Jahr 1796 seine mehr als 40jährige Lehrtätigkeit an der Universität Königsberg beendet hatte, kehrte er zu dem Thema zurück und arbeitete bis 2003 an dem Werk mit dem Titel „Übergang von den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik“, das nach seinem Tod als „Opus postumum“ mehrfach publiziert wurde und 2024 in einer überarbeiteten Neuauflage erscheinen wird.

Das letzte Werk, das Kant selbst herausbrachte, war die „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798); Corpus Delicti der heutigen Moralapostel. Das Werk basiert auf seinen langjährigen Vorlesungen zu dem Thema, bei dem er sich auf Literatur, Reiseberichte und Korrespondenzen beruft, da er bekanntlich selbst über Königsberg nie hinaus gekommen ist. Er stützt sich somit auf Wahrnehmungen und Beobachtungen Dritter – und übernimmt dabei (oft unkritisch, naiv den Berichten glaubend) deren Wortwahl und Formulierungen. Gutmenschen leiten davon „falsche Gesinnung“ ab, sie verwechseln somit (empirische) Darstellung mit (moralischer) Einstellung. In diesem Fahrwasser schwimmt Marcus Willaschek, der es besser wissen müsste und auch besser weiß, weil er zahlreiche Quellen zitiert, die zeigen, dass sich Kant als Weltbürger, Kämpfer für Aufklärung und Gerechtigkeit, sowie gegen Sklaverei und Diskriminierung engagiert hat. Wenn Kant nach heutigen Begriffen abfällig über Frauen, Homosexuelle oder gar über Juden sprach, so waren das – im Kantschen Sinne – keine „Urteile“ und somit auch keine keine „herabsetzenden Urteile“, sondern allgemein gebräuchliche Formulierungen der damaligen Zeit. 

Im Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ bemerkt Kant: „Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“ Die Polemik richtet sich offensichtlich gegen die „Oberaufseher“, die den „größten Teil der Menschheit“ (bis heute mit Mitteln der Propaganda) manipulieren. Willaschek folgert daraus: „Kants Frauenbild, … ist von den zeitbedingten Vorurteilen über das ‚schöne Geschlecht‘ geprägt. In der kultivierten Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, so Kant, seien Mann und Frau einander einerseits über- und anderseits unterlegen…. Dennoch ist Kant offenbar kein Freund ‚gelehrter Frauen‘“. Willaschek bringt eine „Liste der aus heutiger Sicht teils kuriosen, teils ärgerlichen Äußerungen Kants über Frauen“, konzediert aber: „Im Kontext seiner Zeit erscheint Kant allerdings keineswegs als besonders frauenfeindlich.“

Man muss relativieren, wenn Willaschek von „zeitbedingten Vorurteilen“ spricht. Dabei geht es um gewisse soziale oder moralische Einstellungen, die dem Zeitgeist, also den vorherrschenden Meinungen einer Zeit entsprechen. Insofern alle Meinungen zunächst Vorurteile sind, kann man von „zeitbedingten Vorurteilen“ sprechen. So ist es ein „zeitbedingtes Vorurteil“ unseres Jahrhunderts, jedes historische Werk und somit auch jeden Nebensatz von Kant mit den heutigen Maßstäben zu messen und mit den vorherrschenden moralischen Werten der political correctness zu beurteilen.

Wer Kants Vorurteile kritisiert, sollte nicht auf die Kritik unseres eigenen Zeitgeistes vergessen: erst vor rund 100 Jahren bekamen Frauen in Europa das Wahlrecht und die Möglichkeit zu studieren. Schwer vorstellbar, dass die Frauen jemals so diskriminiert wurden, doch political correctness 2024 bedeutet mitunter, dass man die Unterdrückung von Frauen durch ihre muslimischen Ehe-Männer unter dem Titel der Religionsfreiheit toleriert und sogar legitimiert. Aus Sicht der „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer/Adorno) wäre das kein Widerspruch zur Aufklärung, sondern geradezu die logische Folge der Aufklärung.

Wie abhängig selbst ein Kant-Experte vom Zeitgeist ist, beweist folgendes Zitat. Bezugnehmend auf die Schrift „Was ist Aufklärung?“ schreibt Willaschek, bloße Meinungs- und Pressefreiheit reiche „anders als Kant behauptet, offenbar nicht aus, um einen gesellschaftlichen Diskurs zu gewährleisten, der der Aufklärung förderlich ist. Vielmehr kann gerade das völlige Fehlen staatlicher Kontrolle von Medien und Internet dazu führen, dass kommerzielle Interessen, Ideologien und Verschwörungstheorien die Meinungsbildung beherrschen und einen kritischen Austausch von Gründen und Gegengründen unterbinden. Und zweitens zeigen die Internetforen von Verschwörungstheoretikern, Holocaust-Leugner und anderen Anhängern von ‚alternativen Fakten‘, dass eine kritische Haltung gegenüber den allgemein anerkannten Autoritäten und der Mut zum eigenen Urteil noch keine Garantie für Aufklärung und Selbstdenken im Sinne Kants darstellen. Ganz im Gegenteil: Der Mut zum Selbstdenken kann zu neuen Vorurteilen und Irrtümern führen.“ (69)

ad zweites: Die Anhänger von ‚alternativen Fakten‘ nennt Willaschek nicht namentlich, doch es liegt nahe, dass er „Corona-Leugner“ und „Klima-Leugner“ damit in eine Reihe mit Holocaust-Leugnern stellt. Es ist offensichtlich, dass er mit „Querdenkern“ seine Probleme hat, explizit aber hat er mit „Verschwörungstheoretikern“ seine Probleme. So beschließt er seinen zeitgeistigen Exkurs: „Verschwörungstheoretiker mögen zwar den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes ohne Lenkung anderer zu bedienen, aber das bedeutet noch nicht, dass ihnen das auch in angemessener Weise gelingt.“ (70)

ad erstens: Die Gleichsetzung, zumindest Gleichgewichtung von "kommerzielle Interessen, Ideologien und Verschwörungstheorien" ist nicht gerade ein Beispiel von präziser Differenzierung jener Phänomene, die "Meinungsbildung beherrschen". Darauf kann man nur erwidern: Wer angesichts der Ausrufung der Corona-Pandemie und der darauf folgenden Maßnahmen, wer angesichts der Apotheose des „menschgemachten Klimawandels“ (42) und der restriktiven Maßnahmen des EU Green Deals nicht imstande ist Verschwörungstheorien zu formulieren, ist vermutlich überhaupt nicht imstande Theorien zu bilden. Solche Personen sollten sich fragen, ob sie ihren Aufgaben als Wissenschafter noch nachkommen können.

Im Übrigen gilt: eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie wie jede andere Theorie. Eine wissenschaftliche Theorie ist – gemäß Karl Popper – falsifizierbar, und zwar durch einen „kritischen Austausch von Gründen und Gegengründen“. Unterbunden wird dieser Austausch seit Jahren! Nicht von den „Verschwörungstheoretikern“, sondern von den herrschenden Politikern, den Wissenschaftern an den staatlich finanzierten Universitäten, die Werke außerhalb ihres Kanons nicht zur Kenntnis nehmen, sowie den Massenmedien, insbesondere den Journalisten der Staatsmedien, die nicht zensurieren, aber tendenziös selektieren.

Umfangreich sind auch die Erörterungen der Rassismus- und Antisemitismus-Verdächtigungen, für die man bei Kant Zitate finden kann. Im Auftrag der political correctness? Nein! Im Pflichtbewusstsein eines deutschen Universitätsprofessors, der sich der vorherrschenden political correctness (freiwillig?) anpasst oder gar moralisch unterordnet, um Karriere zu machen. Willaschek, laut wikipedia seit 2018 Vorsitzender der Kant-Kommission, muss man zugute halten, dass er in diesem Diskurs wie ein unabhängiger Richter agiert. Von der (Über-)Gewichtung des Themas zeugt die interdisziplinäre Diskussionsreihe „Kant – Ein Rassist?“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Die Kritik der vorliegenden Kant-Monografie ist sehr einseitig ausgefallen, geschuldet allerdings Willascheks eigenen Gewichtung dieser Probleme im Vorwort. Deshalb sei hier wiederholt: Willaschek bietet in 30 Kapiteln einen umfassenden Einblick in das Gesamtwerk von Immanuel Kant. Im Anhang einige Auszüge, von denen wir hoffen dürfen, dass sie dazu anregen, die Lektüre zu vertiefen.