Betrachtungen aus Rhodos

fuf Titel Rhodos

Griechisches Tagebuch. Ansichten von Hubert Thurnhofer

3. September 2025 – Genau einen Tag nach meiner Landung auf Rhodos, wo ich in Theologos meinen all inclusive „Summer Dream“ erleben darf (das Hotel heißt wirklich so), erreicht mich aus Österreich die Schlagzeile „Griechische ‚Bauern‘ erschlichen Millionen (ORF.at 2.9.25)

Demnach wurden 1.036 Übeltäter ermittelt, die seit 2019 EU-Subventionen von insgesamt 22,7 Millionen „erschlichen“ haben. ORF.at: „Die bisherigen Untersuchungen brachten verschiedene Betrugsmethoden ans Licht: Dazu zählen erfundene Eigentumsverhältnisse, irreführende Angaben zu Flächen verstorbener Eigentümer sowie falsche Angaben zu Nutztieren. Zudem wurden Anträge von Begünstigten häufig unvollständig oder selektiv eingereicht – Flächen wurden teilweise falsch deklariert.“

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Rückblende 2015: Nachdem ich K. mehr als ein Jahrzehnt nicht gesehen hatte, tauchte K. plötzlich in meiner Galerie auf und eröffnete mir treuherzig: „Hubert, ich hatte die vergangenen zehn Jahre in der EU einen Job, aber keine Arbeit.“ K. sagte das nicht ironisch, nicht zynisch, sondern entrüstet, denn K. war und ist ein arbeitswilliger Mensch. Noch schlimmer als die Verurteilung zur Untätigkeit war für K. die Unverschämtheit jener Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die statt pünktlich um 9:00 Uhr im Büro einzuloggen, erst kurz vor oder – Gipfel der Unverschämtheit – nach der Mittagspause das Büro mit ihrer Anwesenheit beehrten.

Nun kann man (n = 1) nicht als repräsentative Umfrage bezeichnen, doch die Hochrechnung von 1 Person auf 100 Prozent des EU-Personals ist auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Sicher ist: in der EU sitzen mehr als 1.036 Abgeordnete und Beamte, die mehr als 22.7 Millionen in weniger als 5 Jahren erschleichen – unter dem Vorwand, sie würden dort arbeiten.

Der griechische Minister Michalis Chrysochoidis erklärte, dass er – und das impliziert: die griechische Regierung – „illegale und ungerechtfertigte Bereicherung“ ablehne. Das impliziert: legale und gerechtfertigte Bereicherung, so wie von den EU-Beamten tagtäglich praktiziert, wird nicht abgelehnt, geschweige denn geahndet. Das entspricht zwar nicht der aristotelischen Logik, umso weniger der Nikomachischen Ethik, ist aber die übliche Moral des Jahres 2025. 

„Fünf hochrangige Regierungsbeamte, darunter ein Minister und drei Abgeordnete, traten zurück, nachdem ihnen eine Beteiligung an dem Fall vorgeworfen worden war.“ (ORF.at) Es war anzunehmen, dass nicht hunderte griechische Kleinbauern und Grundstückeigentümer gleichzeitig auf die Idee kommen, Eulen nach Brüssel zu tragen, geschweige denn, fähig sind, EU-Anträge auszufüllen. Auch Robin Houdchoidis kann nicht der Rädelsführer dieser konzertierten Aktion gewesen sein. „Seit 2017 hatten sich Berichte über Unregelmäßigkeiten gehäuft“, Ermittlungen wurden bereits „im Sommer 2020 von der Europäischen Staatsanwaltschaft (EuStA) eingeleitet“ (ORF.at).

So bleibt nur eine Frage: warum deckt der „investigative“ ORF diesen „Skandal“ gerade jetzt auf? Keine Antwort auf diese Frage, aber ein Hinweis, dass da irgendwer das Feuer am Köcheln hält, sind folgende Artikel:

+ „Athen drohen Milliardenstrafen wegen Subventionsbetrug“, Handelsblatt, 8.7.2025 (Anmerkung: Milliardenstrafen für Millionenbetrug – auch das ist EU.)

+ „Die reiche Ernte: Subventionsbetrug in Griechenland“, Die Zeit, 27.07.2025

+ „Griechenland: Land der unsichtbaren Ziegen“, Süddeutsche Zeitung 13.8.2025

und nun endlich, am 2.9.2025 um 23:31 (!) Uhr der ORF.

Keine Antwort auf die obige Frage, aber ein Hinweis, dass Ablenkungsmanöver für manche mehr als willkommen sind: während sich die Ö. Regierung auf „Klausur“ begibt, soll wohl niemand von der Story aufgerüttelt werden, wie Östereichs Regierende „illegale und ungerechtfertigte Bereicherung“ verhindern. Der Kanzler höchst persönlich (damals noch ein gewisser Nehammer) setzt sich ein Denkmal mit dem „Qualitätsjournalismusförderungsgesetz (QJFG)“ und lässt auf dieser gesetzlichen Grundlage die Medienkontrollbehörde 20 Millionen Euro (jährlich!) an die größten Schmierblätter des Landes auszahlen. So bestechend einfach geht „legale und gerechtfertigte Bereicherung“.

Update 3. April 2026 – „Der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis hat unter dem Druck eines sich ausweitenden Skandals um eine Veruntreuung von EU-Agrarsubventionen sein Kabinett umgebildet. Drei Regierungsmitglieder wurden ausgewechselt. Betroffen waren das Amt des Ministers für Landwirtschaft und Ernährung sowie von dessen Stellvertreter und der Posten des Ministers für Klima und Katastrophenschutz. Hintergrund sind Ermittlungen der Europäischen Staatsanwaltschaft (EPPO), die die Aufhebung der Immunität der zurückgetretenen Minister sowie zahlreicher Abgeordneter beantragt hatte“, berichtet ORF.at (3.4.26)

4. September 2025 – Quiz des Tages: Was zeigt das folgende Foto?

Gebrauchtwagen

A) Zwischenlager eines Händlers von Gebrauchtwagen für Afrika

B) Endlager eines Händlers von CO2-Zertifikaten der EU

5. September 2025 – „Mit einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent im Jahr 2025 liegt Griechenland weiterhin deutlich über dem EU-Durchschnitt von 1,1 Prozent. Haupttreiber bleibt der Zufluss von EU-Fördermitteln, die Investitionen anstoßen und die Konjunktur stützen. Der private Konsum wächst langsamer als im Vorjahr. Um gegenzusteuern, hat die Regierung im April 2025 den Mindestlohn auf 880 Euro angehoben. Die Inflation geht zwar zurück und dürfte 2025 bei 2,8 Prozent liegen, bleibt damit aber über dem EU-Durchschnitt von 2,3 Prozent.“ (Germany Trade & Invest, GTAI.de)

6. September 2025 (ORF.at) – „Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hat umfangreiche Steuererleichterungen angekündigt, um insbesondere Haushalte mit Kindern zu entlasten. Das gesamte Maßnahmenpaket habe ein Volumen von 1,6 Milliarden Euro, sagte Mitsotakis gestern bei seiner jährlichen Rede zur Wirtschaftspolitik.“

7. September 2025 + Schi fff ahrt von Rhodos bis Lindos mit Zwischenstopp in der Bucht Anthony Quinn, benannt nach dem griechischen Schauspieler, der hier 1961 mit Gregory Peck und David Niven den Film „The Guns of Navarone“ (Die Kanonen von Navarone) drehte. + + Akropolis von Lindos: Der hohe, 116 Meter steil aufragende Felsen von Lindos, auf dem sich später die Akropolis erhob, bot sich den Bewohnern aller historischen Perioden wegen der natürlichen Gegebenheiten dafür an, hier ein Heiligtum mit religiöser Bedeutsamkeit und einen Zufluchtsort zu errichten. Wie in anderen griechischen Poleis auch, dürfte die Akropolis von Lindos zunächst eine Festung gewesen sein, in deren Sicherheit man anschließend Heiligtümer für wichtige Stadtgottheiten errichtete.“ (wikipedia)

Lindos

8. September 2025 – Windsurfen ist out, Kite-Surfen ist in. Das bestätigt ein Besuch des Kiter-Camps in Theologos.

 Kite Surfer Theologos

+ Auch wikipedia weiß: „Im neuen Jahrtausend ist der Medienrummel um die Sportart zurückgegangen. Einerseits haben die Kitesurfer den Surfern beim Publikum den Rang abgelaufen, andererseits war Windsurfen kein attraktiver Sport für Zuschauer.“ + + Erfunden wurde Windsurfen schon in den 1960ern als Kombination von Wellenreiten und Segeln: „Im November 1964 zeichnete Newman Darby sein Darby Sailboard und veröffentlichte in Popular Science, das in einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren in den USA erschien, eine bebilderte Selbstbauanleitung für sein Segelbrett.“ + + + SIEHE AUCH: WELLENREITER auf story.one

9. September 2025 – Besuch der Stadt Rhodos musste verschoben werden, da der geplante Linienbuss nicht gefahren ist. „Das Zentrum von Rhodos wurde in seiner Gesamtheit 1988 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt: Befestigungsanlagen finden sich hier ebenso wie öffentliche Gebäude, Wohnbauten und Kirchen. In Zusammenhang mit aktuellen Restaurierungen wird ein ganz besonderes Augenmerk auch auf den mächtigen „Großmeisterpalast“ als dem eigentlichen Herzstück des Gesamtensembles gerichtet.“ (griechenland.net)

10. September 2025 – Rundfahrt mit gemietetem VW-Up um 40 Euro für einen Tag von Theologos entlang der Westküste bis zum südlichsten Punkt Prasonisi, einer (Halb- manchmal Voll-)Insel, die mit einer breiten Sandbank mit dem Festland verbunden ist. Hier treffen sich die Surfbrett-Anhänger (es gibt sie doch noch!) auf der Ostseite der Landbrücke, während die Kiter auf der Westseite, wo die Wellen buchstäblich höher schlagen, ihren Spaß haben. + + Im Hintergrund steht eine Handvoll Windräder. „Dem Informationsportal der griechischen Energieregulierungsbehörde (RAE) zufolge sind auf Rhodos rund 60 Windkraftanlagen genehmigt bzw. geplant. Gut zwei Drittel davon im Südteil der Insel“, so dpa-factchecking (15.8.2023). Rund die Hälfte der geplanten Windräder sind schon aktiv, wie die Recherchen vor Ort ergeben haben.

Windkraft

+ + + Zwischenstopp am Felsenstrand von Monolithos

Monolithos

11. September 2025 – „Der antike Geist mit seinen Orakeln und Vogelzeichen will die Zukunft nur wissen, der abendländische will sie schaffen. Das dritte Reich ist das germanische Ideal, ein ewiges Morgen, an das alle großen Menschen von Joachim von Floris bis Nietzsche und Ibsen – Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer, wie es im Zarathustra heißt – ihr Leben knüpften. Alexanders Leben war ein wundervoller Rausch, ein Traum, in dem das homerische Zeitalter noch einmal heraufbeschworen wurde; Napoleons Leben war eine ungeheure Arbeit, nicht für sich, nicht für Frankreich, sondern für die Zukunft überhaupt.“ (Details siehe: Oswald Spengler, Moral und Ethik)

12. September 2025 – Rundfahrt mit „meinem“ VW Up von Theologos über Rhodos bis Faliraki. + Llaut Oswald Spengler ists das Ende der Kultur ider Anfang der Zivilisation, die Kultur nicht mehr schafft, sondern nur noch reproduziert. Tiefpunkt und gleichzeitig Höhepunkt dieses Phänomens und somit die totale Nivellierung der Kultur ist der Kitsch, der die Altstadt von Rhodos hemmungslos überschwemmt hat. + +  Über das Entstehen von Großstädten, „mathematisch vollkommen landfremden Gebilden, die Städte der Stadtbaumeister“, schreibt Oswald Spengler, dass sie „in allen Zivilisationen dieselbe schachbrettartige Form, das Symbol der Seelenlosigkeit anstreben. Diese regelmäßigen Häuserquadrate haben Herodot in Babylon und die Spanier in Tenochtitlan angestaunt. In der antiken Welt beginnt die Reihe der »abstrakten« Städte mit Thurioi, das Hippodamos von Milet 441 »entwarf«. Priene, wo das Schachbrettmuster die Bewegtheit der Grundfläche vollkommen ignoriert, Rhodos, Alexandria folgen als Vorbilder zahlloser Provinzstädte der Kaiserzeit.“ . + + + Weiterfahrt nach Faliraki, das an der Ostküste von der Hauptstadt der Insel so weit entfernt ist wie Theologos an der Westküste. Rund zwei Kilometer nördlich des Ortszentrums reiht sich ein Hotel an das andere, sodass der Strand hermetisch von der Küstenstraße abgeriegelt wird. Zugang nur für Hotelgäste. Im Ortszentum ist aber immer noch ein relativ langer, öffentlich zugänglicher Sandstrand mit wenig Wind und nur schwachen Wellen. Der Sandstrand von Faliraki ist der konträre Gegensatz zum Kiesstrand von Theologos und der kontradiktorische Gegensatz zum Felsstrand von Monolithos. Diese Aussage ist weder apodiktisch, noch evident, aber für Nichtschwimmer relevant. Irrelevant ist dagegen folgende Beobachtung: vor zwei Generationen haben die Sandstrandtouristen standesgemäße Sandburgen errichtet, nun aber bauen sie Steintürme als Andenken oder persönliches Denkmal. Ob diese Beobachtung eine evolutionäre Entwicklung erkennen lässt? Ist die Zivilisation am Ende, sind wir bereit für eine neue Kultur? Denk mal darüber nach.

Faliraki Sandstrand

13. September 2025 – Oswald Spengler:„An Stelle der sokratischen Formel: »Wissen ist Tugend« setzte schon Bacon den Spruch: »Wissen ist Macht«. Der Stoiker nimmt die Welt, wie sie ist. Der Sozialist will sie der Form, dem Gehalt nach organisieren, umprägen, mit seinem Geist erfüllen. Der Stoiker paßt sich an. Der Sozialist befiehlt. Die ganze Welt soll die Form seiner Anschauung tragen …“

14. September 2025 – Schifffahrt nach Symi, wo ein Wunder passierte. Nach zwei Wochen recht gutem Hotelmenü, aber mit enttäuschenden Fischgerichten, speiste ich in der Bucht von Symi den besten Fisch, nur wenige Stunden zuvor geangelt – aber das ist eine andere Geschichte. Das Wunder passierte unter Wasser. Wie immer nutzte ich meine Schwimmbrillen, doch die Sicht war nicht wie üblich verschwommen, sondern so scharf wie noch nie. Ich sah die Steine bis auf 20 Meter Tiefe völlig klar, ebenso die kleinsten Fische in jeder Distanz. Das glasklare Wasser wirkte offenbar wie eine geschliffene Linse – wer seit Jahrzehnten Brillen mit mehr als –4 Dioptrien trägt, kann das nur als Wunder empfinden.

Symi 2

15. September 2025 – Rückflug nach Wien mit Ryanair. Ergänzung 17.9.25: „Die irische Billigfluglinie Ryanair zieht drei ihrer 19 in Wien stationierten Flugzeuge ab. Als Gründe wurden am Mittwoch die „exorbitante Luftverkehrssteuer in Höhe von zwölf Euro“ pro Passagier und die „überhöhten Flughafengebühren in Wien“ genannt. Rund 100 Mitarbeiter sind betroffen.“ (ORF.at 17.9.25)

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Ultra Normal

fuf Ultranormal

23. August 2025 – Nun ist die „Neue Normalität“ auch schon nicht mehr neu; normal war sie sowieso nie. Um aber den Neusprechern in Politik und Medien eine neue Phrase mit Impact zu schenken: siehe Titel! Wer diese Hyperbel noch überbieten will, dem sei nahegelegt: Ultra Normal Plus.

Der Autor dieser Zeilen erhebt keinen Anspruch auf Copyright; und nicht einmal auf Originalität. Er hat diese Formel nach einer durchzechten Nacht nämlich nicht erfunden, sondern gefunden. Auf dem Klo eines Schutzhauses, dessen Ort hier nicht verraten werden darf. Nur soviel: er liegt auf 1566 Metern Seehöhe.

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Die Großzügigkeit des Schenkers ist nicht der banalen Tatsache geschuldet, dass heute, 23. August 2025, der 235. Tag des gregorianischen Kalenders ist, somit noch genau 130 Tage bis zum Ende dieses Jahres verbleiben, sondern der historischen Tatsache, dass heute, exakt vor 459 Jahren, Kaiser Karl V. zugunsten seines Sohnes Philipp II. auf den spanischen Thron und zugunsten seines Bruders Ferdinand I. auf die Kaiserwürde im Heiligen Römischen Reich verzichtet hat!

Dieser bescheidene Beitrag diene nicht nur dem Gedenken an die friedliche Teilung des Habsburgerreiches, sondern dem ewigen Ruhme des Verzichtes! Gewidmet allen, wirklich ALLEN Regierenden unseres Landes und der Europäischen Union.

Und nicht vergessen: bella gerant alii, tu felix Austria neuter!

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Der Philosoph als Baumeister

+ Die Welt ist alles was der Fall ist. (Ludwig Wittgenstein)

+ Ein Raum ist alles was sich vollräumen lässt. (Hubert Thurnhofer)

+ Der Raum räumt. (Anton Edler)

5. August 2025 – Ein Dachboden ist kein Boden, sondern der Raum unter dem Dach, ein Raum mit viel Zeug drin. Wer sich zumutet, diesen Raum zu nutzen, der muss sich dessen bewusst sein, dass er zunächst aufräumen muss. Zeug sammelt sich über Jahre und Jahrzehnte an. Zeug ist Zeuge seiner Zeit und legt damit Zeugnis ab, dass es einmal nützlich war und daher wieder nützlich sein könnte. Zeug erhebt den Anspruch – wann auch immer aber spätestens einen Tag, nachdem es entsorgt wurde – seinen Nutzen und damit seine Existenzberechtigung zu beweisen.

Aufräumen ist die erste, dringende und verantwortungsvolle Aufgabe eines Bauherrn, der sich der Renovierung eines Dachbodens annimmt. Wenn ein Philosoph zum Baumeister wird, dann kann er so eine Aufgabe nicht einer Entrümpelungsfirma überlassen. Das wäre der Gipfel der Verantwortungslosigkeit, denn jedes Zeug hat das Recht auf individuelle Beurteilung seiner Nützlichkeit. Es liegt am Wesen eines jeden Zeuges, dass es potenziell nützlich ist. Wenn es einen Möglichkeitssinn gibt, dann muss es auch einen Nützlichkeitssinn geben, denkt der Philosoph, und macht sich an die Evaluierung. Sein Maßstab der Nützlichkeit ist das Bauobjekt selbst: kann es noch für den Zweck des vorgesehenen Baues genutzt werden oder nicht?

Die Frage wäre leicht zu beantworten, wenn der Philosoph einen Plan hätte, so wie ein Architekt. Doch der Philosoph hat keinen Plan; aber er hat eine Vorstellung von der Idee, die er verwirklichen will. Was ihn von Architekten und allen anderen Menschen unterscheidet, ist seine starke Vorstellungskraft. Idee, Vorstellung, Umsetzung – das ist die Trinität eines Baumeisters, der nicht gelernt hat zu planen, sondern zu denken; nachzudenken und vorzudenken, die Ideen zu visualisieren, auf Deutsch: sich Ideen vorzustellen.

Vorteilhaft ist es, wenn das Bauprojekt nur den halben Dachboden einnimmt, denn dann muss man nicht alles Unbrauchbare entsorgen, sondern kann manches auch verschieben: die Entscheidung über die endgültige Entsorgung in die Zukunft, und die verteilten Kästen voller Zeug auf die andere Seite des Raums, wo sich damit das Zeug logischer Weise verdichtet. Ein halber Dachboden vollkommen geräumt bietet wesentlich mehr Raum, als ein ganzer Dachboden mit historisch gewachsener Belagerung.

Die Vereinnahmung des neu gewonnen Raums folgt zwei Prinzipien: dem ökologischen und dem ökonomischen. Ökologisch gilt, soviel wie möglich vom vorhanden Zeug wieder zu verwerten; ökonomisch gilt, die gesamten Baumaßnahmen inklusive Baumaterialien dürfen nicht mehr kosten als fünf Prozent dessen, was ein Architekt für die Planung und Umsetzung kalkulieren würde, denn der Baumeister ist kein Starphilosoph, der von TV-Shows Honorare für seine Weisheiten kassiert, sondern ein Diogenes des 21. Jahrhunderts; auch dieser hatte laut Legende so etwas wie einen Dachboden, ein Runddach sozusagen, aus einem Fass gefertigt.

Das Ergebnis der Räumung ist Raum, Freiraum zur Entfaltung neuer Ideen. Die Idee: der neu geschaffene Raum soll der Kunst dienen, die der Philosoph als Galerist über drei Jahrzehnte gesammelt hat. Metaphysiker werden wohl bestreiten, dass dies eine wahre Idee sei, denn große Ideen bewegen die Menschheit, diese Idee aber ist nur dazu geeignet, Werkzeuge und Baustoffe in Bewegung zu setzen, um ein profanes Lager zu errichten. Der Dialektiker weiß, dass wahre Ideen in ihrer Negation nicht nur verwirklicht, sondern auch entstellt werden. So führt die Negation der Idee des Friedens in der Logik des Dialektikers zum Welt-Frieden, in der Logik der Politiker aber oft zum Krieg.

Die Idee des Kunstraums enthält keine große Wahrheit, aber die Substanz der Wirklichkeit. Ihre Negation ist eine Postion, eine singuläre Positionierung einer einmaligen Idee unter einmaligen Bedingungen. Erst die Idee eines Kunst-Lagers unter dem Dach erhebt diesen Raum zum Kunstraum; ansonsten hätte man die Kunstwerke auch in einen Container schlichten können.

Dämmen ist die zweite unabdingbare Aufgabe, um in dem vorgesehenen Raum ein stabiles Klima zu schaffen. Die Dämmung besteht aus drei Schichten. Direkt unter das Welleternitdach schiebt Selfman alte Tafeln, Bretter und Plakatständer – ein Erbe der Partei, die bei der vergangenen Nationalratswahl mit „Mut zum Frieden“ und „Mut zur Ehrlichkeit“ geworben hat. Darunter, zwischen die Dachsparren, wird Glaswolle von 16 Zentimeter Dicke geklemmt; flächendeckend naturgemäß, denn die Kunst der Klimastabilität besteht darin, Kälte=Hitze-Brücken zu vermeiden. Der Sichtbereich des Raumes wird mit reinem Fichtenholz vertäfelt; genauer gesagt: vier Meter lange, 15 Zentimeter breite und 1,9 Zentimeter dicke Fichtenbretter direkt aus dem Sägewerk werden mit dem Akkuschrauber und rund 2500 Holzschrauben an den Dachsparren und Wandstaffeln befestigt.

Wer beginnt, die Breitseite von 4-Meter-Brettern mit der Kreissäge zu schneiden, versteht schnell, dass er dafür ein anderes Werkzeug braucht: die Kappsäge. Neben Sägen, Akkubohrer = Akkuschrauber sind Knieschützer, wie sie Fliesenleger verwenden, das drittwichtigste Werkzeug. Der Fachmann wird diese wohl eher den Kleidungsstücken zuordnen, doch der Sprachphilosoph hält auch Werkzeughalterungen, egal ob sich diese an der Wand oder auf einem Gürtel direkt am Körper befinden, nicht für Kleidungsstücke.

Der planlose Philosoph beginnt mit dem Einbau von Kästen, die einst Teile einer Einbauküche waren, um auszuloten, wie weit er an die ein Meter hohe Außenmauer des Dachraums gehen kann. Bis zur Verlegung der letzten Teppichfliese auf dem Fußboden bleibt er planlos, doch jeder Schritt folgt zwingend auf den vorigen.

Selfman, der alleine arbeitet, könnte gar nicht nach System vorgehen, da systematischer Aufbau mindestens eine Hilfskraft bei allen Arbeiten benötigt. Statt der Reihe nach die Dämmschichten, dann die Elektroleitungen, danach Vertäfelung, Fußboden, Fenster und am Ende die Einrichtung einzubauen, errichtet Selfman die Dämmung und Einrichtung an einer Ecke in einem Arbeitsgang und arbeitet sich so rund um die Außenwände von Nordost nach Südost gegen den Uhrzeigersinn; im Unterschied zu Systemarbeitern: diese arbeiten gegen die Zeit.

Einem Philosophen ist nicht zu helfen. Viele Hilfsangebote hat er egoistisch abgelehnt. Egoistisch, eigenbrötlerisch oder ganz einfach selbstbewusst? Er weiß, wo und wann die Materialien und Werkzeuge, die er für einen Bauteil braucht, zur Hand sind und wie sie zu benutzen sind. Wenn er es nicht weiß, so ahnt er es – und macht sich auf die Suche bis sich findet was nötig ist. Eine junge, eifrige Hilfskraft würde ständig nach Beschäftigung verlangen und so die innere Harmonie zwischen Denken und Tun andauernd stören. Eine erfahrene Fachkraft würde – noch viel schlimmer – alles besser wissen; doch Besserwisser ist der Philosoph selbst, weshalb viele sagen: „Der ist überheblich.“

Wahr ist: der Philosoph erhebt sich über einen Facharbeiter, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Wie baut ein Philosoph ein Haus? Er versucht das Wesen eines jeden Gegenstandes zu verstehen und wendet ihn dem entsprechend, d.h. seinem Wesen entsprechend, an. Das gilt für Werkstoffe genauso wie für Werkzeuge. Mehr noch: es gilt auch für Pflanzen, Tiere und Menschen.

Der Mensch ein Gegenstand? Das mag manchen Lesern als Zynismus erscheinen; und das stimmt. Doch Zynismus ist für den Philosophen keine Haltung, sondern eine Disziplin, die er fallweise ausübt, um Denken zu provozieren. Gegenstände sind nicht nur Objekte wie beispielsweise ein Denkmal, das teilnahmslos in der Gegend steht, sondern auch Menschen, die dir – unbewusst oder absichtlich – gegenüber oder entgegen stehen. Denk mal darüber nach!

Im Unterschied zu anderen Menschen empfindet der Philosoph schlaflose Nächte nicht als unangenehm, denn in diesen Nächten hat er scheinbar endlos Zeit um nachzudenken. Welcher Bauabschnitt auf den vorigen folgt, das erfordert keiner langen Überlegungen, denn diese folgen einer inneren Logik. Nur wie man den nächsten Schritt umsetzt, darüber muss jeder, der das Handwerk nicht anständig gelernt hat (also nicht standesgemäß wie einst die Mitglieder von Zünften), oftmals länger grübeln. Schlaflose Nächte sind dafür gut geeignet. Doch merke: eine schlaflose Nacht hilft keinem Handwerker, der zwei linke Hände, und auch keinem Philosophen, der zwei rechte Hirnhälften hat.

Tagsüber entstehen an den niedrigen Außenwänden Stauräume für Kunstwerke kleiner und mittlerer Größen. Sieben im Nordtrakt und sieben im Südtrakt, alle individuell angepasst. Vor 55 Jahren wurden die Dachsparren händisch ohne Kran von Zimmerleuten aufgestellt. Da kann man nicht erwarten, dass die Abstände zwischen den einzelnen Balken auf Millimeter, ja nicht einmal auf Zentimeter genau gleich sind. Auch zwischen Traufe und Dachfirst sind häufig Abweichungen, die bei jedem Arbeitsschritt vermessen und angemessen behandelt werden müssen.

Die letzte dämmende Herausforderung bildet der Boden, der neben der Wärme auch den Schall dämmen muss. So findet sich notwendiger Weise ein Filzboden, der praktisch in Paketen von je 20 Teppichfliesen in der Größe von 50×50 Zentimeter geliefert wird; elf Pakete für über 50 Quadratmeter. Nach drei Monaten durchaus schwerer Arbeiten über dem Kopf erwartet der Philosoph entspannende Tage auf den Knien. Zweiseitenklebeband auf die Rückseite der Teppichfliese, Schutzfolie abziehen, auflegen; und so fort. Doch ein Zweiseitenklebeband ist nicht so harmlos, wie sein Name vortäuscht. Es verklebt nicht nur den gummierten Filzteppichfliesenboden mit dem vorhandenen Estrichboden, sondern auch die Schere, wenn diese nicht exakt und schnell genug das Band durchschneidet. Eine Stunde am Boden knieend schneiden, kleben und legen erweist sich schnell als größere Anstrengung für die Rückenmuskulatur, als das Stemmen von 4-Meter Brettern über dem Kopf um sie am Dachsparren zu verschrauben.

In der folgenden Nacht erwachte der Prozessmanager im Philosophen, der ihm klar machte, dass das Klebeband zunächst am Arbeitstisch stehend auf die Unterseiten der Teppichfliesen geklebt werden kann, um dann einen Stapel dieser Fliesen zu nehmen und am Boden kniend nur noch die Schutzfolie abzuziehen. Ein Transportbrett auf Rädern zur Ablage der Teppichfliesenstapel ermöglichte letztlich eine Verlegung wie am Fließband.

Die dritte, und nervlich größte Belastung ist die Übersiedlung von mehr als 500 Kunstwerken in den neuen Kunstraum. Fünf Fuhren, das heißt fünf voll beladene Ford Transit extra hoch und extra lang wurden beladen (das war noch einfach, weil ebenerdig) und entladen; danach über eine enge Stiege ins Dachgeschoß. Jede Fuhre füllte den halben Kunstraum und bei jeder Fuhre wurde der Philosoph zum Skeptiker, der bekennt: „Ich glaube nicht, dass das alles Platz hat. Aber ich bin sicher, dass es möglich ist.“ Auf die ersten drei Fuhren mit Möbeln und großformatigen Bildern folgt eine Woche Pause; nicht zur Erholung, sondern zum Räumen. Umräumen. Ausräumen. Einräumen. Aufräumen. Räumen! Man kann einen Raum nicht nicht vollräumen! Aber man kann viel Zeugs verräumen.

Von der Geburt der Idee bis zum Start der Umsetzung sind drei Monate vergangen, in denen die Vorstellung von der Idee reifen konnte. Die Umsetzung selbst hat ebenfalls drei Monate gedauert. Einen Monat dauerten Folgearbeiten und die Übersiedlungen. Gegen Ende wird die Arbeit zähflüssiger, da der Kunstraum zwar ansehnlicher und schöner wird, der restliche Dachboden jedoch enger und die Arbeit beschwerlicher. Nicht nur wegen der Enge, sondern auch, weil die Werkzeuge und Werkstoffe immer neue Ablagen finden, wo man sie nicht mehr findet. Daraus folgt: je länger es dauert, umso länger dauert es.

Jeder zünftige Fachmann wird sich nun entrüsten: „Wie kann sich ein Philosoph erdreisten als Baumeister zu fungieren? In Wirklichkeit ist er ein gewaltiger Pfuscher“. Der Moralphilosoph erwidert: die Empörung ist berechtigt, denn es steht jedem anständigen Fachmann an, seine Zunft vor Eindringlichen zu schützen. Der Sprachphilosoph erwidert: Gewalt kam bei der Schöpfung dieses Bauwerkes nicht zur Anwendung; wenn man davon absieht, dass er so manchen Nagel auf den Kopf getroffen hat und viele rostige Nägel unsanft aus den Brettern zog. Im Übrigen gibt es für jedes negative Urteil auch eine positive Wendung: der Pfuscher ist ein Amateur, ein Mensch, der Zeug und Lebewesen liebt; und alles, was er mit ihnen tut.

Amor ist der Gott der Pfuscher. Auch wenn der Pfuscher de jure nie ein Meister sein kann, so muss man ihm konzedieren, dass er doch das eine oder andere Gesellenstück zustande bringt.

Vielleicht werden manche fragen: „Was macht ein Philosoph, während er sägt, bohrt, schraubt, nagelt, schleift und hobelt?“ Er denkt sich jene Aphorismen aus, die in 2000 Jahren die Lehrbücher füllen werden. Hier ein Auszug:

+ Raum kommt von Räumen, deshalb verträgt Raum keine Leere.

+ Der Philosoph arbeitet von einem Punkt zum nächsten gegen den Uhrzeigersinn; im Gegensatz zu den Facharbeitern, diese arbeiten gegen die Zeit.

+ Der Philosoph ist immer planlos, aber niemals ahnungslos. Ganz im Gegenteil: er hat von allem was er denkt und tut eine Ahnung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

+ Philosophen arbeiten ohne Plan aber mit starker Vorstellungskraft.

+ Je länger die Arbeit dauert, umso länger dauert es.

+ Schöpfungskraft ist die Bedingung der Möglichkeit der Vorstellungskraft.

+ Vorstellungskraft ist die Bedingung der Möglichkeit der Umsetzungskraft.

+ Umsetzungskraft ist die Bedingung der Möglichkeit des Erfolgs.

+ Das psychoanalytische Menschenbild (Überich + Ich + Es), sowie das psychologische (Bewusstsein + Unterbewusstes + Unbewusstes), ersetzt der Philosoph durch Schöpfungskraft (das Vermögen, Ideen zu empfangen) + Vorstellungskraft + Umsetzungskraft.

Wer diese Ausführungen zu langatmig findet, der möge mit den baumeisterlichen Weisheiten eines Poeten vorlieb nehmen!

Christian Morgenstern (1871-1914)

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da —

und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm mit Latten ohne was herum,

ein Anblick gräßlich und gemein. Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh nach Afri — od — Ameriko.

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