Was ist Geld? Eine philosophische Antwort

Eine bahnbrechende Frage kann Menschen aus der Bahn werfen, Schwellenängste auslösen und folglich zu Entgleisungen führen. Ein typisches Beispiel dafür ist die Reaktion auf die Frage, was Geld aus philosophischer Sicht sei: „Auf so einen Blödsinn können nur Philosophen oder Linke kommen“, kommentierte ein Leser des gleichnamigen Blogs auf fischundfleisch.com

GDefinition

Vorab drei Zitate aus der Literatur:

Friedrich August von Hayek: "Das Geld ist eines der großartigsten Werkzeuge der Freiheit, die der Mensch erfunden hat."

Karl Marx zitiert Shakespeare um das Wesen des Geldes zu erklären: „Shakespeare hebt an dem Geld besonders 2 Eigenschaften heraus: 1. Es ist die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge; es verbrüdert Unmöglichkeiten; 2. Es ist die allgemeine Hure, der allgemeine Kuppler der Menschen und Völker. Die Verkehrung und Verwechslung aller menschlichen und natürlichen Qualitäten, die Verbrüderung der Unmöglichkeiten – die göttliche Kraft –des Geldes liegt in seinem Wesen als dem entfremdeten, entäußernden und sich veräußernden Gattungswesen der Menschen. Es ist das entäußerte Vermögen der Menschheit. Was ich qua Mensch nicht vermag, was also alle meine individuellen Wesenskräfte nicht vermögen, das vermag ich durch das Geld. Das Geld macht also jede dieser Wesenskräfte zu etwas, was sie an sich nicht ist, d. h. zu ihrem Gegenteil.“

 

Wer die Geschichte und das Wesen des Geldes verstehen will, muss Christina von Brauns Kulturgeschichte des Geldes mit dem Titel "Der Preis des Geldes" (erschienen 2012) lesen. Über die Opferlogik des Geldes schreibt sie: „Das Wort 'Geld' leitet sich ab vom germanischen Wort 'gelt', Götteropfer. Es hängt zusammen mit 'gelten', das soviel wie zurückzahlen, zahlen, kosten, wert sein, vergelten, entschädigen, aber auch zerschneiden bedeutet.“ Laut von Braun ist im christlichen Abendland die Opferlogik des Geldes am stärksten ausgeprägt. „Das Opfermahl als Gemeinschaft konstituierender Ritus findet später im Heiligen Abendmahl der christlichen Kirche ebenso seinen Ausdruck wie in der Gilde, die ihren Namen vom Begriff des 'Geldes' ableitet und 'Opfergemeinschaft' bedeutet.“

Die philosophische Antwort

Nicht erst seit Erfindung des Papiergeldes oder seit dem Ende des Goldstandards kam das Vertrauen in die Welt der Geldwirtschaft. Schon in der Substitution der Tieropfer durch Geldopfer steckt das Vertrauen, dass Gott dies als gleichwertig akzeptiert. Grundsätzlich jede Substitution einer Ware durch Geld setzt Vertrauen voraus, dass ich für dieses Geld später oder woanders eine gleichwertige Ware oder Leistung bekomme. Je länger eine Währung besteht, umso stärker festigt sich der Mythos, dass Geld nicht nur ein praktisches Tauschmittel, nicht nur ein Zwischenschein, sondern auch ein Mittel zur langfristigen Aufbewahrung von Werten sei. Auch tausende Geldentwertungen seit Erfindung des Geldes konnten diesen Mythos nicht zerstören, und er blüht bei jeder Diskussion über die mögliche Abschaffung des Bargeldes wieder auf.

Im Begriff Schuldgeld (Franz Hörmann, Das Ende des Geldes, 2011) ist, so wie im Begriff Schuldbewusstsein und im Begriff Schuld an sich, die negative Seite des Phänomens festgehalten. Der positive Name für Schuld ist Kredit, er impliziert Credo, also einen positiven Glauben, das Vertrauen des Gläubigers, dass der Kreditnehmer mit dem Geld effizient arbeitet, die Hoffnung, dass er es zurückbekommen wird. Wie von Braun nachweist, geht es in der Geschichte des Geldes aus philosophischer Sicht immer um Glauben - aus historischer Sicht um Beglaubigung.

Geld ist dem Wesen nach tatsächlich Kredit, aber nicht nur im negativen Sinne von Schuld, sondern auch im positiven Sinn von Vertrauen. Jedes Geld, egal in welcher Form, ob Münzgeld, Papiergeld oder digitales Geld, kann immer nur Symbol, also Stellvertreter dafür sein, was es dem Wesen nach ist: Vertrauen. In sehr vielen Fällen, ja sogar immer noch in den meisten Fällen unseres Lebens, bewährt sich diese Form von Vertrauensaustausch bzw. Vertrauensvorschuss, weil wir ja nur selten von der Person unmittelbar eine gleichwertige Gegenleistung erhalten, der wir unser Vertrauen geliehen oder gar geschenkt haben.

Man kann die erwähnte Formel leicht auf Geld = Vertrauen verkürzen, denn Kredit (= Credo = Glaube, im Sinne von Hoffnung, das Geld wieder zu bekommen einerseits und das Geld wieder retournieren zu können andererseits) sind nur sich endlos wiederholende Rituale, die die Wirklichkeit des Geldkreislaufes beschreiben. Doch in der Substanz bleibt die philosophische Definition: Geld = Vertrauen