Rennen um die Hofburg - Offener Brief an SN

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8. Februar 2026

Offener Brief an die leitenden SN-Redakteure Alexander Purger und Manfred Perterer

S.g. Herr Purger,

S.g. Herr Chefredakteur Perterer!

In der SN 5.2.2026 definieren Sie das „Anforderungsprofil“ des Bundespräsidenten: „nicht zu sehr parteigebunden, um für alle wählbar zu sein, zurückhaltend, bescheiden, sich nicht vordrängend, gebeten werden wollend.“ Offenbar gibt es in der ganzen SN-Redaktion keine Kollegen, die dagegen einen Einwand hätten. Mehr noch: mit dieser Plattitüde treffen sie die allgemein gültige Haltung aller Politjournalisten dieses Landes, die für derartige Banalisierungen auch noch mit üppigen „Qualitätsjournalismusförderungen“ des Bundes belohnt werden.

Es ist wohl erforderlich zu explizieren: dieses „Anforderungsprofil“ hat nichts, absolut nichts mit Qualifikation zu tun, die man in jeder Ausschreibung vom Lehrling bis zum Geschäftsführer auf den Punkt bringen muss. Beim BP offenbar nicht! Hier geht es nur um das „Erscheinungsbild“ (also Schein), hier geht es nur um „Öffentlichkeitswirksamkeit“ (aufgrund dieses Kriteriums wurde Marko Pogo bei der letzten BP-Wahl vom ORF und allen andern Massenmedien gehypt. Eine peinliche, politische Nullnummer, wie man spätestens nach der letzten NR-Wahl weiß. Dem Rocksänger hats nicht geschadet – sehr wohl unserer Demokratie!).

Wie auch immer, ich bin gerne bereit, Denkanstöße zu liefern. Bis zur Wahl des nächsten BP ist ja noch Zeit.

1. Der Bundespräsident ist laut Verfassung die einzige politische Position des Landes, die direkt über eine Persönlichkeitswahl, nicht über eine Partei gewählt wird.

2. Der Bundeskanzler wird überhaupt nicht gewählt. Das ewige Ritual der „Regierungsbildung“ in Folge der Nationalratswahlen ist zwar üblich, aber aus Verfassungssicht reines Brauchtum – üblicher Weise bezeichnet man diese politische Praxis als „Realverfassung“. Doch in der Verfassung, Artikel 70 (1) B-VG, steht lediglich: „Der Bundeskanzler und auf seinen Vorschlag die übrigen Mitglieder der Bundesregierung werden vom Bundespräsidenten ernannt.“

3. VdB hat mit der Ernennung von Bierlein ein Exempel statuiert, wie man diesen Artikel jederzeit (nicht nur nach einer unerwarteten Demission der gesamten Regierung) anwenden könnte. Dass das nicht „jederzeit“ passiert, dafür sorgen natürlich die Parteisoldaten, welche von ihren jeweiligen Parteien „gebeten werden wollen“.

4. Die üblichen Spekulationen über Köpfe - egal über mögliche Kanzler oder mögliche Bundespräsidenten oder andere politische Kader – nehmen in den Medien jede Menge Platz ein. Die Diskussion über die Demokratie (und ihre Grundlagen, wie die österreichische Bundesverfassung) unterbleibt. Das ist - angeblich aus „journalistischer Sicht“ - zu fad. Damit kann man keine Auflage machen, so die gängige qualitätsjournalismusgeförderte Irrmeinung.

5. Jeder Österreich und jede Österreicherin hat schon einmal oder öfters zum Ausdruck gebracht, dass er/sie die gängige Form der Parteipolitik im Allgemeinen und die Politikdarsteller im Besonderen „Scheiße“ findet. (Studien über Politikverdrossenheit braucht man nicht lange zu suchen.) Die gängige Berichterstattung der qualitätsjournalismusgeförderten Medien trägt dazu bei, „die Kacke am Dampfen zu halten“.

6. Jede Berichterstattung, die voraussetzt, dass das wichtigste (nicht nur „höchste“, „repräsentativste“) Amt im Lande nur von einem altgedienten Apparatschik aus dem Umfeld der Parlamentsparteien ausgeübt werden kann (und soll), ist per se einseitig, mehr noch: antidemokratisch. Diese Berichterstattung unterdrückt die Tatsache, dass die Verfassung einen offenen Zugang zum Amt des Bundespräsidenten vorsieht; offen für alle Bürger unseres Landes, die Verantwortung übernehmen wollen und können. In Artikel 60 B-VG steht kein Wort, dass die mächtigen Parteien auch noch dieses Amt durch ihre Vorauswahl okkupieren sollen. Freilich: es steht auch nichts davon, dass sie es nicht dürfen. Dass sie es tun, ist „gelebte politische Praxis“. Eine Praxis, die unabhängige Journalisten angesichts der Übermacht der Parteien hinterfragen würden.

7. Wann werden die Journalisten beginnen – auf eigene Initiative, nicht auf Zurufe von Niessl und Co – substanzielle Informationen über die Hintergründe der bestehenden Probleme unseres Landes zu publizieren? Damit meine ich nicht Spekulationen über Mauscheleien in den Hinterzimmern unserer Republik, sondern Informationen über die Ursachen der ständig zunehmenden Deformationen unserer Demokratie! Die übliche unkritische Berichterstattung über den Status-quo ist jedenfalls ein Beitrag zur Krise unserer Demokratie (siehe Punkt 6).

Ich behaupte ganz frech, dass besserer Journalismus immer noch möglich ist und biete Ihnen gerne aktuelle Beispiele von ethos.at:

+ B-VG BVG Verfassung: Schönheit und Eleganz?

+ AMS Larifari-Weiterbildung

+ Woher kommen die "Wiederösterreicher"?

Mit freundlichen Grüßen, HTH

Am 13. Februar 2026 antwortet Redakteur Purger
Sehr geehrter Herr Mag. Thurndorfer,
danke für Ihre Anmerkungen. Ich darf dazu sagen, dass es sich nicht um einen sachlichen Artikel über das Amt des Bundespräsidenten, sondern um eine satirische Glosse über die Ambitionen des Hans Niessl handelte.
Mit besten Grüßen
Alexander Purger

REPLY HTH: Danke für die Aufklärung!
Angesichts der täglichen Realsatire, die unsere Politiker liefern, konnte ich den Unterschied nicht erkennen.
mfg, Hubert T.

Tags: Bundespräsident, Bundespräsidentenwahl, Hofberichterstatter, Hofberichterstattung, Hofburgwahl, Hofburg