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Die Ukraine als Zentrum der Weltgeschichte
Yaroslavv Hrytsak hat sicher nicht die Absicht, die Weltgeschichte neu zu schreiben, wenn er „Kolumbus zu einer der Hauptfiguren der ukrainischen Geschichte“ macht. Aber offenbar hat er Ambitionen, zum Vater eines National-Epos zu werden, in dem die Ukraine zum Mittelpunkt der Welt wird. Das beginnt 1492 -„Die Ukraine ging aus der Begegnung zweier Welten hervor: der Welt des Kolumbus und der Welt der Kosaken“ – und reicht bis in die Gegenwart – „Zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Zerfall der UdSSR zum wichtigsten Beitrag der Ukraine zur Weltgeschichte. […] ohne die Ukraine hatte die Sowjetunion ihren Daseinszweck verloren.“ (427)
Der Historiker stützt seine Weltanschauung auf die „Heartland-Theory“, die der britische Geograph Halford Mackinder in seinem Aufsatz „The geographical pivot of history“ (Der geographische Dreh- und Angelpunkt der Geschichte) 1904 veröffentlicht hat. In der deutschen Übersetzung von Hrytsaks Buch wird „Heartland“ mit „Kernland“ übersetzt. Die Thesen von Mackinder:
„Who rules Eastern Europe commands the Heartland.
Who rules the Heartland commands the World Island.
Who rules the World Island commands the World.“
In der Übersetzung des vorliegenden Buches:
Wer Osteuropa regiert, beherrscht das Kernland.
Wer das Kernland regiert, beherrscht die Weltinsel.
Wer über die Weltinsel regiert, beherrscht die Welt.“
Hrytsak erläutert: „Mit ‚Kernland‘ meinte Mackinder die Länder der eurasischen Steppe und mit ‚Weltinsel‘ den ganzen eurasischen Kontinent. Laut seinen Berechnungen konzentrierten sich 75 Prozent der Weltbevölkerung und ein ebenso hoher Anteil an den weltweiten Energieressourcen auf diesen Kontinent; außerdem wurden 60 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts hier erzeugt. Die Beherrschung des eurasischen Kontinents war eine direkte Folge der weltweiten Expansion des Westens. Sie hatte mit Kolumbus begonnen und war Ende des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen. Mackinder sagte voraus, dass sich aufgrund der Tatsache, dass Europa zum Zentrum der Welt geworden war, künftige europäische Konflikte unweigerlich zu Weltkriegen ausweiten würden. Jene Staaten, die das Kernland kontrollierten, hätten die größten Aussichten auf den militärischen Sieg.“ (214)
„Beide Weltkriege spielten sich nach dem von ihm vorhergesagten Szenario ab, auch wenn man dies für eine sich selbst erfüllende Prophezeiung halten könnte. Mackinders These beeinflusste den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und seinen Plan für eine Nachkriegsordnung (1918) und hielt, über den NS-Geopolitiker Karl Haushofer, Einzug in Hitlers Mein Kampf (1925) […] Lenin, Stalin und die anderen Führer der Bolschewiki hatten Mackinder zwar nicht gelesen, handelten jedoch genauso, als hätten sie es getan. Sie betrachteten die ukrainischen Länder als Brückenkopf, von dem aus sich die Weltrevolution von Russland nach Westen und Süden ausbreiten würde.“ (215)
Mit einer Formulierung, die sich der wissenschaftlichen Evaluierung entzieht, die demnach nicht falsifizierbar (und somit auch nicht wissenschaftlich ist), schwenkt Hrytsak in die Gegenwart. Demnach „geht das Gerücht, sie [Anm: die Herzland-Theorie] spiegle Putins Denkweise wider...“ So schließt sich der Kreis von Kolumbus bis in die Gegenwart.
[Exkurs: Die Politologin Ulrike Guérot sieht in ihrem Aufsatz „über Halford J. Mackinders Heartland-Theorie: Der geografische Drehpunkt der Geschichte“ die Ukraine als „Herzland“ = „Kernland“, und stimmt in dem Punkt mit der Interpretation von Hrytsak überein. Allerdings weisen zeitgenössische Interpretationen ein Gebiet von der Ukraine bis weit nach Sibirien im Osten und bis ins Osmanische Reich im Süden aus. Siehe: Themenportal Europäische Geschichte + Karte auf wikipedia]
Laut Hrytsak „ist bekannt, dass die Kolonisierung der Ukraine in vieler Hinsicht der Kolonisierung Amerikas ähnelte. Beide wurden von einem Kult der Gewalt und des schnellen Profits dominiert, und beide tarnten diesen Kult gegenüber der einheimischen Bevölkerung als Mission der Zivilisierung.“ (109) Weiters vergleicht der Historiker die Jahre 1914 und 1492: „Das waren die beiden Zeitpunkte, an denen die Weltgeschichte eng mit der nationalen Geschichte der Ukraine verbunden wurde und jene weitreichenden Veränderungsprozesse in Gang setzte, welche die Ukraine auf die Weltkarte brachten.“ (318) Nachsatz: „Die Gewalt stand im Mittelpunkt beider Prozesse. […] Die ukrainische Identität manifestierte sich am klarsten während der revolutionären und militärischen Krisen.“ (319)
Es ist verlockend, daraus eine Verschwörungstheorie zu konstruieren.