Axe Drax Not Trees

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"Großbritannien hat 2022 erstmals seit 1978 mehr Strom exportiert als importiert", berichtet die Nachrichtenagentur pressetext.com am 19.1.23. Im Frühjahr 2021 hat Hubert Thurnhofer über die Stromversorgung in Großbritannien recherchiert, insbesondere die umstrittene Umrüstung des Kraftwerkes Drax von Kohle auf Pellets. Der folgende Artikel war geplant als Kapitel 2 des Buches "Pellets", das nie in Druck gegangen ist.

"Obwohl das Kraftwerk Drax die Kohleverbrennung auslaufen lässt, ist es immer noch der größte Kohlendioxidemittent in Großbritannien und verbrennt mehr Holz als jedes andere Kraftwerk der Welt. Als Gegenleistung für die Verwüstung von Wäldern und die Befeuerung des Klimawandels erhält Drax massive Subventionen, nachdem es vor Jahren hätte geschlossen werden sollen. Im Jahr 2020 kassierte Drax 2,27 Millionen Pfund an Subventionen für die Verbrennung von Biomasse - jeden Tag! Indessen wurden die Subventionen für wirklich erneuerbare und kohlenstoffarme Onshore-Wind- und Solarenergie in ganz UK gekürzt. Der Biomasse-Strom von Drax wird eingerechnet in das gesetzliche Ziel von UK, im Jahr 2020 15 Prozent unserer gesamten Energie aus erneuerbaren Energiequellen zu erzeugen", schreibt biofuelwatch.org.uk im April 2021 und fordert: "Für Wälder, Gemeinden und das Klima ist es höchste Zeit: #AxeDrax!"

biofuelwatch axe drax

Biofuelwatch beschäftigt sich laut eigener Angaben nicht nur mit Information sondern auch mit Campaigning. Hauptthemen sind Klima und Umwelt, insbesondere die Bekämpfung von "Auswirkungen der industriellen Bioenergie in großem Maßstab". Almuth Ernsting, Leiterin des Büros in UK, ist eine langjährige Kämpferin gegen die Verwendung von Biomasse zur Energiegewinnung. Schon 2013 veröffentlichte sie den Artikel "Biomass: The Chain of Destruction" (theecologist.org), wo sie die Gleichung für ihre Kampfansage an Drax formuliert hat: "Biomasse-Strom im Vereinigten Königreich = Abholzung alter Sumpfwälder + Bulldozing von Land der Ureinwohner + benachteiligte britische Gemeinden, denen die Hauptlast der giftigen Abgase aufgebürdet wird."

In ihrer laufenden Kampagne bringt Ernsting konkrete Zahlen: "Seit 2015 verbrennt Drax jedes Jahr mehr Holz, als Großbritannien jedes Jahr produziert. Im Jahr 2020 verbrannte Drax 7,37 Millionen Tonnen Pellets aus mindestens 14 Millionen Tonnen grünem Holz. Zum Vergleich: Die jährliche Holzproduktion in Großbritannien betrug 2019 nur 11,1 Millionen Tonnen. [...] 63 Prozent der von Drax verbrannten Pellets wurden aus dem Südosten der USA importiert. Zusätzlich zu diesen 4,68 Millionen Tonnen verbrannte Drax 1,23 Millionen Tonnen aus Kanada und 836.542 Tonnen aus den baltischen Staaten sowie kleinere Mengen aus Portugal, Brasilien, Weißrussland und Russland." Als Quellen nennt Ernsting die Agentur Forest Research, sowie den Geschäftsbericht 2020 von Drax. Es lohnt sich, diesen Bericht im Detail zu analysieren.

Auf Forest Research beruft sich auch Will Gardiner, CEO der Drax Group, in seinem Bericht an die Aktionäre: "Im Südosten der USA, der Quelle für den größten Teil unserer Biomasse, hat die gestiegene Nachfrage nach Holzfasern direkt zu einem erhöhten Wachstum und Schutz der Wälder beigetragen. Die Vorräte sind seit 1950 um über 90 Prozent gestiegen, Jahr für Jahr wird mehr Kohlenstoff gespeichert, obwohl die Ernten zugenommen haben. Unser forstwirtschaftlicher Auftrag basiert auf den neuesten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen von Forest Research, der wichtigsten Organisation des Vereinigten Königreichs für Forstwissenschaft."

 


 

Sir John Beddington

An der Stelle darf auch der Hinweis nicht fehlen, dass Drax alles unternehme, um die Biodiversität zu schützen und für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse der lokalen Bevölkerung zu sorgen. Darüber hinaus garantiere ein unabhängiger Beirat, "dass die Stakeholder sicher sein können, dass die Strategie von Drax unter ständiger Beobachtung steht und dass die Biomasse, die wir verwenden, gemäß der neuesten wissenschaftlichen Forschungen und Verfahren erfolgt", so der CEO. Ein Independent Advisory Board (IAB ) unter Leitung von Sir John Beddington sorge für die Einhaltung der wissenschaftlichen Richtlinien. Sir Beddington war von 2008 bis 2013 persönlicher Berater der britischen Premierminister in Sachen Technologie und Wissenschaft.

Bei aller Integrität der Person drängt sich der Verdacht auf, dass das IAB ein Feigenblatt des Energieriesen ist. Im Struktogramm des Konzerns, das unter Audit auch einen eigenen Ausschuss für Ethik und Geschäftsgebarung verzeichnet hat, findet sich das IAB nicht. Der Beirat wird im Geschäftsbericht 2020 nur am Rande drei Mal erwähnt: sowohl bei den NGOs als auch bei den Think Tanks, mit denen Drax arbeitet, und nicht zuletzt im Kapitel Nachhaltigkeit: "Das IAB bestätigte, dass unsere Beschaffungspolitik mit den Empfehlungen von Forest Research im Einklang stehen. [...] Bei Drax verwenden wir Holzpellets aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern und Rückstände aus der Forstindustrie, um kohlenstoffarmen, erneuerbaren Strom zu erzeugen. Wir stellen sicher, dass unsere Biomasse nachhaltig und durch das Sustainable Biomass Program (SBP) zertifiziert ist. Im Jahr 2020 waren 99 Prozent der von uns beschafften Holz-Biomasse SBP-konform."

Stimmen die Zahlen im Brief an Anne-Marie Belinda Trevelyan [Anmerkung 19.1.23: damals Minister for Energy, Clean Growth and Climate Change, seit Oktober 2022 Minister of State in the Foreign, Commonwealth & Development Office], wonach Drax im letzten Jahr 7,1 Millionen Tonnen Pellets verfeuert hat, dann wären ein Prozent davon immerhin 71.000 Tonnen ungeklärter Herkunft, die den Umweltorganisationen Anlass zu Spekulationen geben. Bei den Unterzeichnern des Briefes an die Wirtschafts- und Energieministerin fällt das Fehlen des WWF auf. Dafür findet sich WWF im Jahresbericht von Drax - neben Greenpeace und RSPB (Royal Society for the Protection of Birds) als Beispiele zahlreicher Non Profit Organisation, die von Drax finanziell unterstützt werden.

Auch SBP ist eine Non Profit Organisation, die zwar publiziert, dass sie rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr an Ausgaben verbucht, nicht aber, woher die Einnahmen kommen. Der Organisation steht der Geschäftsführer Francis Sullivan vor. Der Beirat der Organisation setzt sich zusammen aus je drei Vertretern der Zivilgesellschaft, der Pellets-Produzenten und der Biomasse-Endkunden. Letztere vertreten höchst persönlich von Will Gardiner, CEO von Drax. Man kann davon ausgehen, dass die zertifizierten Unternehmen identisch sind mit den Unternehmen, die SBP finanzieren. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Alle Rating-Agenturen werden von den Organisationen finanziert, die sie einem Rating-Verfahren unterziehen. Es fällt lediglich auf, dass eine Organisation, die für Transparenz sorgen will, zu diesem Thema nichts veröffentlicht und in dem wichtigen Bereich intransparent bleibt.

Strommix Großbritanniens

Das Department for Business, Energy & Industrial Strategy (kurz: BEIS) hat in seinem jüngsten Bericht (25. März 2021) einen Überblick über die Stromerzeugung Großbritanniens gegeben. Demnach sind die Kapazitäten in den vergangenen zwanzig Jahren stetig gestiegen, wobei die installierte Gesamtleistung seit 2017 über 100 GW beträgt, das entspricht einem Anstieg um ein Drittel seit der Jahrtausendwende. In den vergangenen zehn Jahren gab es dramatische Verschiebungen: der Anteil der Fossilen ist von ihrem Höhepunkt im Jahr 2010 (71,0 GW) zurückgegangen, während die Stromerzeugung aus erneuerbaren Kapazität schnell angestiegen ist. Im Jahr 2019 übertraf die Kapazität Erneuerbarer zum ersten Mal den Anteil der fossilen Kraftstoffe, wobei erneuerbare Stromerzeuger 47,1 GW und Erzeuger mit fossilen Brennstoffen 43,9 GW bereit stellten. Die erneuerbaren Technologien 2019 waren Onshore-Wind (14,1 GW), Solar (13,3 GW) Offshore-Wind (10,0 GW) und Bioenergie (7,8 GW im Jahr 2019), deren Kapazität seit 2013 (nach der Umstellung von Kohlekraftwerken auf Biomasse bei Drax und Lynemouth) rasant gestiegen ist.

 


 

Drax Jahresbilanz 2020

In diesem Rahmen kann man die Jahresbilanz von Drax besser einordnen. Die Kraftwerke der Gruppe produzierten 2020 sechs Prozent des gesamten Stroms in UK und elf Prozent des Stroms aus Erneuerbaren. Der Großteil stammt aus dem Kraftwerk in North Yorkshire, wo von sechs Blöcken bisher vier auf Pellets umgerüstet wurden. Damit macht Drax gute Geschäfte. Trotz operativer Verluste in Höhe von 156 Millionen Pfund aufgrund von Abschreibungen und Rückstellungen für den endgültigen Ausstieg aus der Kohle sowie negativer Covid-19-Auswirkungen auf das Kundengeschäft, lag das EBITDA bei 412 Millionen Pfund, zwei Millionen über dem Wert von 2019. [Anmerkung 19.1.23: Reuters berichtet am 15.12.22, dass Drax bereits einen Anteil von 20 Prozent der Erneuerbaren in UK liefert. Und das Unternehmen macht wieder saftige Gewinne, die Gewinnprognosen für 2022 hat Drax von 540 auf 606 Millionen Pfund erhöht.]

EBITDA ist ein betriebswirtschaftlicher Key Perfomance Indikator. Die Abkürzung steht für „earnings before interest, tax, depreciation, and amortization“ und weist in der Bilanz das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und auf immaterielle Vermögensgegenstände aus. Um diese Kennzahl zu bekommen, rechnet man auf den operativen Gewinn (im vorliegenden Fall 156 Millionen Verlust) die Beträge für Zinsen, Steuern usw wieder hinzu. EBITDA ist somit der Rohgewinn, bevor das Unternehmen Zinsen und Steuern bezahlt hat. Mit der Kennzahl können Banken und Investoren internationale Unternehmen miteinander besser vergleichen als mit dem Reingewinn. Ein Unternehmen, das mehr Zinsen und Abschreibungen zu buchen hat, zeigt, dass es mehr investiert hat; und sogar wenn es hohe Gewinnsteuern zahlt, steht es in dieser Betrachtung besser da, als Unternehmen in Ländern mit geringerer Gewinnsteuer.

Weitere Kennzahlen des Jahresberichtes 2020: der Gesamtumsatz lag bei 4.245 Millionen Pfund. Im Vergleich dazu erwirtschaftete Drax im "Kohlezeitalter" deutlich weniger Umsatz - 2010 lediglich 1.648 Millionen Pfund. 2015 - damals waren bereits drei Pellets-Blöcke in Betrieb, ist der Umsatz bereits auf 3.065 Millionen Pfund gestiegen. Der Kurs des Pfund lag in den vergangenen fünf Jahren zwischen 1,1 und 1,2 Euro. Der Kurs der Drax-Aktie hat sich von 1. Juni 2020 bis 31 Mai 2021 von 222 auf 450 Euro fast verdoppelt, lag allerdings schon einmal - am 3. November 2018 - bei 425 Pfund. Danach ging es mehr als ein Jahr lang bergab mit der Aktie, bis zu einem Tiefststand von 134 Pfund am 14. März 2020. [Anmerkung 19.1.23: die Aktie ist weiterhin extrem volatil. Der Kurs erreichte am 6.4.22 einen Höchststand von 831 Pfund und fiel bis 21.10.22 wieder auf 473 Pfund. Der letzte Höchstwert lag am 28.12.22 bei 708 Pfund.]

Analysten und Spekulanten wissen, dass der Aktienkurs wenig mit dem inneren Wert und dem laufenden Geschäft eines Unternehmens zu tun hat. Die Fieberkurve der Drax-Aktie beweist jedoch, dass die Stimmung der Aktionäre in den vergangen Jahren extremen Schwankungen unterlag. Und bei der Produktion von Stimmungen sind professionelle Non Profit Organisationen nicht weniger erfolgreich als die hochbezahlten PR-Agenturen börsennotierter Unternehmen.

2020 nutzte Drax zur Erzeugung der Energie nur noch 8 Prozent Kohle, aber bereits 75 Prozent Biomasse, 2 Prozent Wasser und 15 Prozent Gas. Der endgültige Kohleausstieg ist mittlerweile auf Schiene, wie der Vorstand berichtet: "Das Ende des kommerziellen Kohlebetriebs im März 2021 und die endgültige Stilllegung der Kraftwerke im September 2022 werden voraussichtlich zu jährlichen Kosteneinsparungen von 30 bis 35 Millionen Pfund führen, sobald sie abgeschlossen sind."

Auch beim Gas hat das Unternehmen eine Wende eingeleitet. Ursprünglich war geplant, die zwei verbleibenden Kohle-Einheiten in North Yorkshire auf Gas umzurüsten, wofür es bereits einen positiven Bescheid der Regierung gab. Auch gegen diesen Bescheid gab es Widerstand von Umweltschützern, die sogar vor Gericht gezogen sind. Ohne Erfolg. Trotzdem hat Drax seine Strategie geändert und wird auch die verbleibenden zwei Units in North Yorkshire auf Pelletsbetrieb umrüsten. Laut BBC (25.2.2021) kostet dieser Strategie-Wechsel das Unternehmen 13 Millionen Pfund. Kompensieren dürfte diesen Verlust der Verkauf mehrerer Gaskraftwerke um 193 Millionen Pfund. Erworben hat Drax vier Gasturbinen erst vor zwei Jahren im Paket mit Wasser- und Speicherkraftwerken von Scottish Power. Der Verkauf wurde im Dezember 2020 angekündigt und war einen Monat später bereits abgeschlossen.

 


 

Der CEO verweist bei der Gelegenheit einmal mehr auf das Ziel 2030: "Durch die Konzentration auf unsere flexible und erneuerbare Energieerzeugung in Großbritannien erwarten wir eine weitere Reduzierung der CO2-Emissionen des Konzerns, was unsere Ambitionen, bis 2030 nicht nur CO2-neutral, sondern auch CO2-negativ zu werden, beschleunigen dürfte." Will Gardiner will noch mehr: Drax soll von Nordamerika über Europa bis Asien zum "weltweit führenden Unternehmen für die Erzeugung und Versorgung mit nachhaltiger Biomasse" werden. Diesem Ziel ist Drax mit seinem jüngsten Deal einen großen Schritt näher gekommen - begleitet vom Rauschen im Walde, verursacht diesmal von 19 Umweltorganisationen.

Drax übernimmt Pellets-Hersteller in Kanada

Biofuelwatch, Dogwood Alliance, Fern, Robin Wood und sogar Green Camel Bell aus China (nicht dabei WWF) schrieben im März 2021 einen gemeinsamen Brief an die Aktionäre von Drax. Einen Monat vor der Hauptversammlung wollten sie damit die Übernahme von Pinnacle Renwable Energy, einem der größten Pellets-Hersteller Kanadas, verhindern. Einleitend wird behauptet, die Übernahme sei bei weitem nicht nachhaltig, führe zu einem Verlust der Biodiversität und verletze die Landrechte der indigenen Bevölkerung. Darauf folgt die Aufzählung finanzieller Risiken:

"Angesichts der Ungewissheit über die Zukunft von Biomasse und des wachsenden Bewusstseins der Öffentlichkeit und der politischen Entscheidungsträger, dass sie weder CO2-neutral noch nachhaltig ist, ist es ein enormes Risiko, eine große Akquisition wie Pinnacle zu übernehmen, die sich als Fehlinvestition erweisen könnte." Weiters machen sich die Autoren Sorgen um die Reputation der Investoren: "In British Columbia, wo sich die kanadische Exportindustrie für Holzpellets konzentriert, haben Untersuchungen gezeigt, dass Pinnacle das Holz für seine Pellets durch Kahlschlag und Abholzen ganzer Bäume aus Primärwäldern bezieht. Darüber hinaus zeigt Stand.earth in einer Analyse aller Betriebe von Pinnacle in BC, dass Pinnacle sehr wahrscheinlich Holz aus bedrohten Arten im gemäßigten Regenwald gewinnt."

Eine Woche vor der Hauptversammlung, am 13. April 2021 wurde der Deal trotz dieser Intervention finalisiert. Drax hat Pinnacle um 226 Millionen Pfund übernommen. Der Energiekonzert stockt damit die eigenen Produktionskapazitäten von bislang 1,6 Millionen auf 4,9 Millionen Tonnen Pelltes pro Jahr auf und besitzt nun 17 eigene Pelletwerke in Westkanada und im Südosten der USA. Positiver Effekt am Rande: die Einkaufspreise für Pellets sinken, die Produktionskosten von Pinnacle liegen um 20 Prozent unter denen der bisherigen Pelletwerke von Drax. Teurer als bislang dürften aber die Transportkosten vom Westen Kanadas bis ins britische North Yorkshire werden. Entweder fallen hohe Gebühren für den Panamakanal an, oder lange Bahntransporte quer durch Kanada.

CEO Gardiner, das Feindbild der Naturschützer, kann sich zufrieden zurücklehnen: "Wir gehen davon aus, dass wir von Pinnacles operativem und kommerziellem Know-how profitieren werden. Der Deal positioniert Drax als weltweit führendes Unternehmen für die Erzeugung und Versorgung mit nachhaltiger Biomasse und macht uns zu einem wirklich internationalen Unternehmen, das Biomasse von Nordamerika über Europa bis Asien handelt." Man kann davon ausgehen, dass damit der Expansionsdrang des Unternehmens noch nicht gesättigt ist.

Drax History

Drax wurde 1962 in unmittelbarer Nähe von großen Kohlefeldern errichtet und war - bis zur Privatisierung in den 1990er Jahren - in Staatsbesitz. 1999 hat der größte US-Energiekonzern AES das größte britische Kraftwerk um 1,87 Milliarden Pfund (damals drei Milliarden Dollar) übernommen. Kein gutes Investment, wie sich bald herausstellen sollte, denn 2002 fielen die Strompreise auf 15 Pfund pro Megawattstunde und AES bekam Probleme mit der Refinanzierung. Nach einer Reihe von Stillhalteverträgen mit den Banken trennte sich die AES Corporation von Drax im August 2003. Zwei Jahre später brachten die Banken das größte Kohlekraftwerk des Landes an die Börse. Aus dem Kraftwerk in North Yorkshire wurde die Drax Group, der erste Zukauf erfolgte im Jahr 2009 mit Haven Power, womit das Unternehmen in das Endkundengeschäft einstieg. 2015 wurde der britische Pellets-Lieferanten Billington Bioenergy übernommen und 2017 wieder verkauft. Die Lieferkapazitäten dieses Betriebs waren für den wachsenden Bedarf von Drax offenbar zu gering.

2016 übernahm Drax für 340 Millionen Pfund Opus Energy, das 100 Prozent erneuerbare Energie an Unternehmen verkauft. Die Kunden von Opus Energy können damit ihre vorgegebenen Klimaziele erreichen. 702 Millionen Pfund kostete die Übernahme von Scottish Power. Aus dem Portfolio wurde die Gaskraftwerke wieder verkauft, verblieben sind Fluss und Speicherkraftwerke in Schottland.

 


 

Nicht zuletzt investiert Drax in BECCS-Technologien. Die Abkürzung steht für Bioenergy Carbon Capture and Storage. Damit soll künftig CO2 direkt aus den Abgasen abgespalten und danach sicher gelagert werden. Drax widmet dem Thema große Aufmerksamkeit, nachdem der britische Ausschuss für Klimaänderungen im Dezember 2020 erklärte, dass 53 Millionen Tonnen CO2 durch BECCS gesichert werden müssen, damit das Land CO2 Netto-Null erreicht.

Die Positionierung von Drax als Weltmarktführer für Energie aus Biomasse ist betriebswirtschaftlich nicht nur legitim, sondern sogar vorbildlich. Es ist eine herausragende Leistung des Managements von Drax, rechtzeitig auf geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen reagiert und die Konversion eingeleitet zu haben. Dass sich Drax als Vorreiter bei Erreichung der Klimaziele positioniert, ist nicht nur eine PR-Show - das entspricht den Pariser Klima-Zielen, die durch die EU-Direktiven RED und RED II zu verbindlichen Vorgaben für die Unternehmen wurden. Großbritannien bemüht sich auch nach dem EU-Ausritt unter den Spitzenreitern in der Umsetzung der Klimaziele zu bleiben.

Hohe Subventionen für Bioenergie

Die Schattenseite dieser Entwicklung werden im Jahresbericht 2020 jedoch geradezu schamhaft versteckt. Lediglich an zwei Stellen im Kleingedruckten wird darauf hingewiesen. So erfährt man beim Thema "Sachanlagen", dass Drax Subventionen bezieht: "Die durchschnittlich verbleibende wirtschaftliche Nutzungsdauer für Anlagen im Kraftwerk Drax beträgt 17 Jahre. Dieser ist kürzer als die 19 Jahre bis zur aktuellen Schätzung des Endes der Stationslebensdauer im Jahr 2039, geht aber über das Enddatum der derzeitigen Subventionen für die Biomasse-Erzeugung hinaus, das ist im Jahr 2027. Das Ende der Subventionen im Jahr 2027 sieht der Konzern nicht als Indikator für Wertminderungen für diese Vermögenswerte, was unsere Erwartungen an die Biomasse-Erzeugung über diesen Zeitpunkt hinaus widerspiegelt."

Und im Kapitel "Strategie" erklärt die Geschäftsführung, die Gruppe wolle "langfristige Wachstumschancen schaffen, einschließlich Investitionen in neue Technologien für alternative Kraftstoffe, von denen wir glauben, dass sie das Potenzial haben, die Erträge über 2027 hinaus zu stützen, wenn die Subventionen, die wir für die Stromerzeugung aus Biomasse erhalten, gekürzt werden." Im gleichen Kapitel erfahren die Aktionäre immerhin, dass Drax hart daran arbeitet, die Produktionskosten pro MWh Biomasse-Strom auf 50 Pfund zu senken.

Fünf Jahre davor, im Jahresbericht 2015, taucht der Begriff "Subventionen" nur ein einziges mal auf, hier jedoch in der Rubrik "Bericht über die grundsätzlichen Risiken", wo ganz unverblümt zu lesen ist: "Die Aussichten des Konzerns hängen auch stark von der Regierungspolitik in Bezug auf Subventionen für die Erzeugung erneuerbarer Energien ab. Wenn es nicht gelingt, ausreichende Subventionen zu sichern und beizubehalten, könnte dies wesentliche Auswirkungen auf die Lebensfähigkeit des Konzerns haben."

Offenbar haben sich die Manager von Drax an die üppigen Subventionen der britischen Regierung gewöhnt, sodass sie ein abruptes Ende mittlerweile ausschließen. Genaue Angaben über die Höhe der Fördergelder, die Drax seit 2012 bezogen hat und voraussichtlich bis 2027 beziehen wird, findet man auf der Webseite von Ember, einem Think Tank für Klima- und Energiefragen. Demnach habe die Drax Group 2020 insgesamt 832 Millionen Pfund an direkten staatlichen Subventionen erhalten (43 Millionen mehr als ein Jahr davor). 490 Millionen dieses Betrags entfielen laut Ember auf ROCs (Renewables Obligation Certificates), das sind Zertifikate, die Drax für jede MWh bekommt, die mit Erneuerbaren produziert wurde. 342 Millionen Pfund flossen aus einem CfD (Contract for Difference), der sich jedes Jahr ändert, abhängig von der Menge an Holz-Pellets, die verbrannt wurden. Darüber hinaus habe Drax Steuererleichterungen aus CO2-Steuern in Höhe 258 Millionen Pfund gebucht (246 Millionen 2019).

Ember rechnet vor, dass Drax von 2012 bis 2027, wenn die staatliche Unterstützung ausläuft, mehr als 10 Milliarden Pfund an Subventionen akkumuliert haben wird. Wenn CEO Gardiner erklärt "Unser Niveau der erneuerbaren Erzeugung ist nur möglich dank einer Kombination aus hoher Verfügbarkeit der Anlagen und einer widerstandsfähigen Lieferkette", so sollte er sich zumindest in einem Nebensatz auch beim britischen Steuerzahler bedanken, der die hohen Kosten der Konversion bezahlt und dafür sorgt, dass die Aktionäre von Drax jedes Jahr ihre Dividende erhalten.

Drax will der führende Konzern der britischen Energiewende werden - und hat sich zur Erreichung dieses Zieles ein eigenes System errichtet. Ob das dem Ideal einer ökologischen Kreislaufwirtschaft oder eher einem geschlossenen System entspricht, sei dahin gestellt. An der Stelle sei an den Philosophen Karl Popper erinnert, der die offene Gesellschaft als Ideal der Demokratie gesehen hat. Man kann daraus den Schluss ziehen, dass offene Systeme auch das Ideal der Wirtschaft sein sollten. Tatsache ist, dass Monopolbildungen in der jüngsten Wirtschaftsgeschichte stark im Trend liegen.

Es gibt zumindest ein Land in Europa, wo der Einsatz von Biomasse eine längere Tradition als in Großbritannien hat und aufgrund seiner dezentralen Entwicklung zu keiner Monopolbildung führen kann: Österreich. Siehe: Tu Felix Austria [Anmerkung 19.1.23: Wenn auch keine Monopolbildung, so steht nach der Verdreifachung der Preise im Jahr 2022 der Verdacht im Raum, dass es zu einer Kartellbildung gekommen ist. Die Bundeswettbewerbsbehörde Österreichs hat im Herbst Untersuchungen eingeleitet.]